
Fürstpropst und Wurzel
Region & Geschichte
Enzianbrand schmeckt nach Erde, Bitterkeit und einem Hauch Süße, und kaum ein Haus kennt ihn so lange wie die Enzianbrennerei Grassl in Berchtesgaden. Nach Angaben des Hauses reicht ihre Geschichte bis 1692 zurück, sie nennt sich damit die älteste Enzianbrennerei Deutschlands. Über dem Ort steht der Watzmann, und seine Hänge liefern bis heute die Rohware.
Der Überlieferung nach erhielt eine Wirtsfamilie namens Grassl damals vom Fürstpropst, dem geistlichen und weltlichen Herrn des Berchtesgadener Landes, das Recht, Enzianwurzeln zu graben und daraus Branntwein zu brennen. Der Enzian galt lange als Heilpflanze für den Magen. Ihn in Alkohol zu bringen, lag deshalb nahe, und wer das Wurzelrecht besaß, hatte im Gebirge einen kleinen Schatz.
Rechtlich ist Enzian eine Kategorie für sich. Die EU-Spirituosenverordnung beschreibt ihn als Destillat vergorener Enzianwurzeln mit mindestens 37,5 % vol; Ethylalkohol darf zugesetzt werden, Aroma nicht. Er gehört weder zu den Obstbränden noch zu den Geistern. Der Name Bayerischer Gebirgsenzian ist seit 1989 als geografische Angabe geschützt, in der EU gibt es daneben nur den Südtiroler Enzian und die Genziana trentina.
Gebrannt wird mit Erlaubnis. In Deutschland dürfen Abfindungsbrennereien auch Wurzeln verarbeiten, bis zu 300 Liter reinen Alkohol im Jahr. Brennen ohne Erlaubnis bleibt verboten, auch für den Eigenbedarf. Seit 2018 hängt die Erlaubnis an der Person und nicht mehr am Hof.
Neben dem Gebirgsenzian führt Grassl nach eigenen Angaben rund 30 weitere Spirituosen im Haus. Weiter nördlich, in Hausham am Schliersee, arbeitet die Destillerie Lantenhammer mit Obstbränden, Himbeergeist und Enzian im Sortiment.