
Verdauungsschnaps im Test
Hilft Schnaps bei der Verdauung? Was die Fondue-Studie zeigt
Nein, ein Schnaps nach dem Essen beschleunigt die Verdauung nicht. In einer Zürcher Studie (BMJ 2010) leerte sich der Magen nach Käsefondue mit Wein und Kirsch deutlich langsamer als mit Tee und Wasser. Das gute Gefühl danach ist Entspannung, kein schnellerer Magen.
Verdauungsschnaps: Woher kommt der Glaube an den Digestif?
Nach einem fetten Essen den Teller zurückschieben und einen Kirsch, Obstler oder Calvados bestellen: In vielen Gegenden Mitteleuropas gehört das zur Tischkultur. Der Brand trägt dann einen medizinisch klingenden Namen, Verdauungsschnaps oder Digestif. Das französische Wort meint wörtlich etwas, das der Verdauung dienen soll. Ein Name beweist aber noch keine Wirkung.
Der Glaube hat nachvollziehbare Wurzeln. Lange galten Brände als Arznei, Apotheken und Klöster gaben sie als Stärkungsmittel aus. Dazu kommt eine echte Erfahrung: Nach einem Glas fühlt sich ein voller Bauch oft weniger drückend an. Wer das über Jahrzehnte erlebt, hält den Zusammenhang für bewiesen. Genau diese Erfahrung hat eine Forschergruppe in Zürich einmal sauber überprüft, und zwar mit dem Gericht, zu dem in der Schweiz traditionell ein Kirsch gehört.
Die Zürcher Fondue-Studie: Was im Magen passierte
Das Team um Gastroenterologen der Universität Zürich veröffentlichte die Untersuchung 2010 im British Medical Journal, einer der großen medizinischen Fachzeitschriften. Zwanzig gesunde Erwachsene aßen an mehreren Tagen dasselbe Käsefondue. Dazu tranken sie entweder Weißwein oder schwarzen Tee, danach gab es ein kleines Glas Kirsch oder Wasser. Die Reihenfolge wurde ausgelost, und jede Person durchlief mehrere Varianten. Fachleute nennen das eine randomisierte Studie im Überkreuz-Design, weil jeder Teilnehmer zugleich seine eigene Vergleichsperson ist.
Gemessen wurde die Magenentleerung, also wie schnell der Speisebrei vom Magen in den Darm weiterwandert. Dafür setzten die Forscher dem Fondue eine markierte Substanz zu, die sich später in der Atemluft nachweisen lässt. Das Ergebnis war eindeutig: Mit Tee und Wasser leerte sich der Magen deutlich schneller als mit Wein und Kirsch. Je mehr Alkohol im Spiel war, desto langsamer ging es voran. Die Autoren sprechen von einer umgekehrten Dosis-Wirkungs-Beziehung.
Wie jede Studie hat auch diese Grenzen. Zwanzig Teilnehmer sind eine kleine Gruppe, und untersucht wurde ein einziges, sehr fettes Gericht. Die Richtung des Ergebnisses passt aber zu dem, was die Physiologie schon länger über Alkohol und Magen beschreibt: Alkohol in größerer Menge verlangsamt die Magenentleerung, statt sie anzutreiben. Für den Verdauungsschnaps ist das ein unbequemer Befund, denn er soll ja gerade das Gegenteil leisten.
Warum fühlt sich der Bauch nach einem Schnaps leichter an?
Wenn der Magen langsamer arbeitet, warum empfinden so viele Menschen den Schnaps als Erleichterung? Eine Antwort liefert die Studie selbst. Beschwerden wie Völlegefühl oder Druck unterschieden sich zwischen den Gruppen nicht. Der Alkohol verschlimmerte das Befinden also nicht spürbar, er verbesserte es aber auch nicht messbar. Wer mit Wein und Kirsch gegessen hatte, verspürte danach allerdings weniger Appetit.
Das angenehme Gefühl hat eher mit Entspannung zu tun. Alkohol dämpft das Nervensystem, man lehnt sich zurück, der Abend wird ruhiger. Dazu kommt der Duft eines guten Kirschwassers, der nach einem schweren Gericht frisch und klar wirkt. Das ist ein Genussmoment, aber kein Beschleuniger für den Magen. Wer nach einem üppigen Essen wirklich Erleichterung sucht, ist nach den Messergebnissen mit einer Tasse Tee oder einem Spaziergang besser beraten.
Obstbrand, Kräuterbitter, Trou normand: Gilt das für jeden Digestif?
Die Studie hat Kirsch untersucht, also einen klassischen Obstbrand aus vergorenen Kirschen. Für Zwetschgenwasser, Williams oder Weinbrand gibt es keinen Grund, eine andere Wirkung zu erwarten, denn der entscheidende Stoff ist in allen derselbe: Alkohol. Kräuterbitter und Amari unterscheiden sich durch ihre Bitterstoffe. Ihnen wird eine appetitanregende Wirkung nachgesagt, doch auch in ihnen steckt Alkohol, und der bremst den Magen.
Auch das Trou normand aus der Normandie, ein Calvados zwischen zwei Gängen, ist ein Brauch und keine Verdauungshilfe. Wer den Digestif als Teil der Esskultur schätzt, darf das weiterhin tun. Ehrlich ist nur, ihn als Genuss zu bestellen und nicht als Medizin. Wer nach dem Essen etwas Aromatisches ohne Alkohol sucht, findet heute auch alkoholfreie Destillate auf Kräuter- und Fruchtbasis.