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Kann man von Obstbrand blind werden? Methanol ehrlich erklärt

Methanol und Panscherei

Kann man von Obstbrand blind werden? Methanol ehrlich erklärt

Von legal hergestelltem Obstbrand wird man nicht blind. Methanolvergiftungen mit Erblindung gehen fast immer auf gepanschten Alkohol zurück, dem billiges Industriemethanol beigemischt wurde. Obstbrand enthält zwar von Natur aus etwas Methanol, aber die EU begrenzt den Gehalt streng.

Blind vom Schnaps? Woher der Satz stammt

Kaum ein Schnapsmythos hält sich so hartnäckig. Wer zu viel Selbstgebrannten trinke, werde blind, heißt es seit Generationen. Der Satz enthält einen wahren Kern, der aber oft falsch zugeordnet wird. Methanol, ein einfacher Alkohol, ist tatsächlich giftig und kann den Sehnerv schädigen. Gefährlich wird es, wenn große Mengen davon in ein Getränk gelangen.

Genau das passiert bei gepanschtem Alkohol. Kriminelle strecken Getränke mit Methanol aus Industrie oder Handwerk, weil es billig ist und ähnlich riecht. Nach Angaben internationaler Gesundheitsorganisationen gehen die großen Vergiftungswellen der vergangenen Jahrzehnte fast immer auf solche gefälschten oder informell hergestellten Spirituosen zurück. Die Opfer konnten den Unterschied nicht schmecken. Mit einem Kirschwasser vom Brenner hat das nichts zu tun.

Warum enthält jeder Obstbrand etwas Methanol?

Methanol steckt in jedem Kirschwasser und jedem Williams, auch im besten. Es entsteht nicht durch Pfusch an der Brennblase, sondern schon in der Maische, aus dem Pektin der Fruchtzellwände. Ein fruchteigenes Enzym spaltet es ab, sobald das Obst zerkleinert ist. Weil Schalen und Fruchtfleisch während der Gärung in der Maische bleiben, bringt Obst mehr Methanol mit als Wein, der meist ohne Schalen gärt.

Weil Methanol giftig ist, setzt die EU-Spirituosenverordnung 2019/787 Höchstwerte fest. Sie gelten je Hektoliter reinen Alkohols und richten sich nach dem Rohstoff. Für Obstbrand liegen sie je nach Frucht zwischen 1 000 und 1 350 Gramm, für Weinbrand bei 200. Ein Williams darf also mehr Methanol enthalten als ein Cognac, weil Birnen von Natur aus mehr davon mitbringen. Diese Zahlen sind Sicherheitsgrenzen für den Rohstoff, keine Rangliste der Qualität.

Auf dem Etikett steht der Methanolgehalt nicht. Das muss er auch nicht, denn ein Brand, der die Höchstwerte überschreitet, darf gar nicht als Obstbrand verkauft werden. Amtliche Labore der Lebensmittelüberwachung nehmen Proben aus dem Handel und prüfen sie unter anderem auf Methanol und bei Steinobst auf Blausäure. Die Bezeichnung auf der Flasche ist deshalb mehr als ein Name: Sie steht für einen Brand, der diese Grenzen einhalten muss.

Macht Vorlauf-Wegschütten den Schnaps methanolfrei?

Viele glauben, Methanol lande vollständig im Vorlauf, also im ersten Teil des Destillats, den der Brenner abtrennt. Wer den Vorlauf großzügig wegschütte, bekomme einen methanolfreien Schnaps. Das stimmt so nicht. Methanol verteilt sich über einen großen Teil des Brennverlaufs, und das Abtrennen des Vorlaufs senkt den Gehalt nur teilweise.

Der Vorlauf wird aus anderen Gründen abgetrennt: Er riecht nach Lösungsmittel und Klebstoff, weil sich dort leichtflüchtige Stoffe wie Acetaldehyd und Essigester sammeln. Den Methanolgehalt beeinflusst ein Brenner vor allem über saubere Früchte, eine gesunde Gärung und eine kontrollierte Brennweise. Genau deshalb ist der Mythos riskant. Er gibt Schwarzbrennern das falsche Gefühl, mit einem simplen Handgriff alles im Griff zu haben, obwohl nur ein Labor den tatsächlichen Gehalt messen kann.

Gepanschter Alkohol: Woran erkennt man das Risiko?

In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird Alkohol in Brennereien unter Steueraufsicht gewonnen, und die Lebensmittelüberwachung prüft Spirituosen im Handel. Ein Obstbrand aus dem Fachgeschäft oder direkt aus einer zugelassenen Brennerei ist deshalb kein Risiko für die Augen. Anders sieht es bei Flaschen ohne Etikett aus, bei auffällig billigem Alkohol auf Märkten oder bei Getränken unbekannter Herkunft auf Reisen. Gesundheitsorganisationen raten, solchen Alkohol zu meiden.

Eine Methanolvergiftung zeigt sich oft erst mit Verzögerung. Zunächst wirkt sie wie ein gewöhnlicher Rausch, später können Sehstörungen, Übelkeit, starke Bauchschmerzen und Atemnot hinzukommen. Wer nach dem Trinken verschwommen sieht oder Lichtblitze bemerkt, braucht sofort ärztliche Hilfe, in Deutschland über den Notruf 112 oder einen Giftnotruf. Es gibt wirksame Behandlungen, doch sie helfen umso besser, je früher sie beginnen.

Kurz unterschieden

Obstbrand
Enthält natürlich etwas Methanol aus dem Pektin der Frucht; EU-Höchstwert je nach Frucht 1 000 bis 1 350 g/hl r. A.
Weinbrand
Aus Wein gebrannt, der meist ohne Schalen gärt; deshalb niedriger Methanol-Höchstwert von 200 g/hl r. A.
Tresterbrand
Aus vergorenen Traubenschalen gebrannt; mehr Pektin im Spiel, Methanol-Höchstwert 1 000 g/hl r. A.
Gepanschter Alkohol
Mit Industriemethanol gestreckte Fälschung; Ursache fast aller schweren Vergiftungen mit Erblindung.

Dazu im Lexikon

Grappa: Tresterbrand im LexikonCognac und Armagnac im Lexikon
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