
Eine Frucht, zwei Namen
Marillenbrand und Aprikosenbrand: Wachau, Wallis, Kecskemét
Marillenbrand und Aprikosenbrand sind dasselbe, denn Marille ist das österreichische Wort für Aprikose. Berühmte Herkünfte sind der Wachauer Marillenbrand, die Walliser Abricotine und die ungarische Kecskeméti Barackpálinka, jede mit eigenem Herkunftsschutz.
Marille oder Aprikose: ein Wort, eine Frucht
In Österreich und Südtirol heißt die Frucht Marille, in Deutschland und der Schweiz Aprikose, in Ungarn barack. Botanisch ist es immer dieselbe Art. Für den Brand gelten deshalb dieselben Regeln der Verordnung (EU) 2019/787: Obstbrand der Kategorie 9, gebrannt aus vergorener Frucht, ohne Aromazusatz und mit mindestens 37,5 Prozent Alkohol. Die Methanolgrenze liegt bei 1 200 Gramm je Hektoliter reinen Alkohols.
Die Marille ist eine heikle Brennfrucht. Ihr Aroma ist zart und kippt schnell, wenn die Früchte unreif, angefault oder zu lange gelagert sind. Gleichzeitig hat sie einen großen Stein, der bei Beschädigung Bittermandeltöne und Blausäure liefert. Ein guter Marillenbrand riecht nach sonnenwarmer, vollreifer Frucht, mit einem Hauch Mandel im Hintergrund, und wirkt am Gaumen weich und saftig.
Wachauer Marillenbrand: was die geschützte Angabe verlangt
Mit Österreichs EU-Beitritt 1995 wurde der Wachauer Marillenbrand als geografische Angabe der EU geschützt. Er stammt aus 21 Gemeinden entlang der Donau, darunter Spitz, Weißenkirchen, Dürnstein, Krems, Mautern und Rossatz-Arnsdorf. Verwendet wird überwiegend die Sorte Klosterneuburger Marille aus zertifizierten Gärten. Gebrannt wird nur mit einfachen Brenngeräten; die kontinuierliche Destillation in der Kolonne, bei der ständig Maische nachläuft, ist ausgeschlossen.
Auch die Zahlen sind strenger als im allgemeinen EU-Recht. Der Brand muss mindestens 38 Prozent Alkohol haben und darf höchstens 4 Gramm Zucker je Liter enthalten, während das allgemeine Obstbrand-Limit bei 18 Gramm liegt. Marillen werden in der Wachau seit 1509 angebaut. Stark ausgeweitet wurde der Anbau um 1890, nachdem die Reblaus viele Weingärten zerstört hatte.
Wachauer Marille, Marillenbrand, Marillenlikör: drei Produkte
Hier entstehen leicht Verwechslungen. „Wachauer Marille“ ist eine geschützte Ursprungsbezeichnung für die Frucht selbst, eingetragen 1996. Sie betrifft das Obst in der Steige auf dem Markt, nicht die Flasche. Der Brand trägt seinen eigenen Namen, Wachauer Marillenbrand, und folgt eigenen Regeln.
Wachauer Marillenlikör ist ein drittes Produkt. Er ist ein Likör, also deutlich gesüßt, und gehört rechtlich nicht zu den Bränden. Wer im Laden zwischen den Flaschen steht, liest am besten die rechtliche Bezeichnung auf dem Etikett. Steht dort Brand, ist der Zucker streng begrenzt; steht dort Likör, darf es süß sein. Beides kann gut schmecken, es sind aber verschiedene Getränke.
Abricotine aus dem Wallis und Marille aus Südtirol
Im Schweizer Wallis wachsen Aprikosen an den sonnigen Hängen des Rhonetals. Der Brand daraus ist seit dem 6. Januar 2003 als AOP geschützt, unter dem Namen Abricotine oder Eau-de-vie d'abricot du Valais. Damit besitzt das Wallis zwei Brand-AOP, denn auch der Walliser Birnenbrand ist geschützt. AOP heißt in der Schweiz, dass die Frucht aus dem Gebiet stammt und dort auch verarbeitet wird.
Südlich der Alpen hat die Marille ebenfalls Tradition. In der EU sind Südtiroler Marille und Aprikot trentino als geografische Angaben für Brände eingetragen, beide seit 1989. Die Lagen dort sind sonnig, die Nächte kühl, was der Frucht Säure und Duft erhält. Wie überall entscheidet aber vor allem, ob vollreife, gesunde Früchte rasch und sauber verarbeitet werden.
Barackpálinka: Aprikosenbrand aus Ungarn
In Ungarn heißt der Aprikosenbrand Barackpálinka. Pálinka ist dort gesetzlich eng gefasst: nur aus Obst, das zu 100 Prozent in Ungarn gewachsen ist, ohne Zucker, ohne Aroma, ohne Fremdalkohol und mit mindestens 37,5 Prozent. Maische, Destillation und Abfüllung finden im Land statt. Zwei Aprikosenbrände tragen zusätzlich eine regionale Angabe: Kecskeméti Barackpálinka seit 2003 und Gönci Barackpálinka seit 2008.
Kecskemét liegt in der Tiefebene zwischen Donau und Theiß, Gönc im Nordosten des Landes. Eine Besonderheit verbindet Ungarn mit Österreich: Die geografische Angabe Pálinka ist gemeinsam eingetragen. Österreichischer Marillenbrand aus bestimmten Bundesländern darf deshalb ebenfalls Pálinka heißen. Für andere Länder und andere Früchte bleibt der Name dagegen tabu.