
Moor und Hecke
Botanicals
Wacholder wächst in Irland nur verstreut. Er steht meist auf kargen Kalkhängen und in lichten Heiden, nie in großen Beständen wie in Mitteleuropa. Die meisten irischen Brennereien kaufen ihre Wacholderbeeren deshalb zu, üblicherweise aus Mazedonien oder Italien. Den regionalen Charakter legen sie stattdessen in die zweite und dritte Zutat.
Bei Glendalough in den Wicklow Mountains sind das bis zu 37 wilde Pflanzen. Eine festangestellte Sammlerin pflückt sie von Hand: Sauerampfer für eine grasige Säure, Holunderblüte für Süße, Tannennadeln für einen harzigen Unterton. Frisch gepflücktes Material welkt schnell. Es kommt deshalb innerhalb weniger Stunden vom Berg in die Brennblase.
Auf der Halbinsel Dingle in Kerry prägen andere Pflanzen den Gin. Fuchsie hängt mit ihren roten Blüten an jeder zweiten Hecke. Dazu kommen Vogelbeere, Moorgagel, Angelikawurzel, Kerbel, Heidekraut und Weißdorn, alle von der Halbinsel selbst gesammelt. Fuchsie bringt eine leicht herbe, blumige Note. Moorgagel erinnert an Harz und Minze zugleich und stammt von einem Strauch, der genau in den feuchten Mooren wächst, die Kerry und weite Teile Westirlands prägen.
In Drumshanbo geht The Shed Distillery einen anderen Weg. Sie mischt zwölf Botanicals aus neun Ländern, acht davon langsam in Kupferblasen mazeriert, vier per Dampf eingebracht. Die Kombination aus chinesischem Gunpowder-Tee und heimischem Mädesüß soll laut Brennerei eine rauchig-minzige Schärfe mit einer honigsüßen, blumigen Seite verbinden. Der Wacholder verschwindet dabei nicht.
Küstennähe spielt bei mehreren Häusern eine Rolle. Getrocknete Meeresalgen von der Atlantikküste, etwa rund um Inseln wie Achill, tauchen in kleineren Chargen als salzige Randnote auf. Sie bringen Jod und ein umamiartiges Aroma mit. Viele irische Brennereien behandeln ihr Ufer oder ihr Moor einfach als Zutatenliste.
So entsteht ein Bild, das sich von Region zu Region unterscheidet, obwohl derselbe Wacholder im Kern steckt. Hier ist er feucht und moorig, dort blumig und von der Hecke, andernorts salzig vom Meer. Ein Rest importierter Basis bleibt fast immer dabei, denn das Klima der Insel ist für Wacholder allein zu mild und zu feucht.
Sphagnum-Moos und Heidekraut bilden eine schwammige, dauerfeuchte Oberfläche.
Die Wurzel: Moorgagel und Heidekraut verankern sich hier nur flach, weil tiefer kaum Sauerstoff ankommt.