
Getreide vor Wacholder
Verkosten
Wer zum ersten Mal Genever aus Schiedam probiert, erwartet oft den scharfen Wacholderkick eines London Dry. Meist folgt eine Überraschung. Zuerst kommt Getreide, warm und rund wie frisches Brot, manchmal mit einer leichten Süße. Erst danach schiebt sich eine dezente Nadelholznote nach vorn, begleitet von Röstaromen aus dem Brennvorgang.
Nolet's Silver Dry Gin und Ketel One aus derselben Brennerei zeigen, wie nah Gin und Genever im Ursprung liegen. Trotzdem gehen beide unterschiedliche Wege. Ein klassischer Jonge Genever schmeckt schlanker und trockener. Ein Oude Genever wirkt runder und getreidiger. Ein Korenwijn ist oft am dichtesten, mit Vanille- und Karamellnoten aus dem Fass.
Beim Verkosten hilft ein einfacher Ablauf. Das Glas sollte erst kurz stehen, bevor man daran riecht. Dann nimmt man einen kleinen Schluck und behält ihn kurz im Mund, statt ihn sofort herunterzuspülen. So trennt die Zunge Getreide, Wacholder und mögliche Fassnoten voneinander, statt alles auf einmal wahrzunehmen.
Ein Vergleich zwischen Jonge und Oude Genever nebeneinander zeigt den Unterschied am deutlichsten. Beide teilen dieselben Grundzutaten. Trotzdem wirkt das Verhältnis von Frische zu Tiefe völlig anders. Wer beide direkt nacheinander probiert, merkt schnell, warum die Namen auf dem Etikett mehr über die Rezeptur verraten als über das Alter der Flasche.
Auch die Temperatur verändert den Eindruck stark. Eiskalt serviert wirkt Genever glatter, die Süße des Getreides tritt zurück. Bei Zimmertemperatur treten dagegen Röst- und Fassnoten deutlicher hervor, besonders bei einem gereiften Korenwijn. Ein Vergleich beider Temperaturen zeigt, wie stark die Serviertemperatur den Geschmack ein und desselben Genevers verändern kann.