Gin-Paläste und der London Dry Gin

Prunk und Präzision

Gin-Paläste und der London Dry Gin

Ein Jahrhundert nach dem Elend des Gin-Craze glänzte Gin plötzlich hinter geschliffenem Glas und Gasleuchten. Neue Brenntechnik machte den Alkohol sauberer, und prächtige Gin-Paläste luden die Londoner Arbeiterschaft zum Trinken in barockem Rahmen ein.

Was ein Gin-Palast war

In den 1830er Jahren senkte die englische Regierung die Steuern auf Spirituosen. Brennereien begannen daraufhin, eigene Ausschankräume zu bauen, um Kunden von den vielen kleinen Bierkneipen abzuwerben. Diese Räume wurden bald Gin Palaces genannt und setzten auf Glanz statt Enge. Geschnitztes dunkles Holz, riesige Spiegel mit geätzten Mustern, glänzende Messingarmaturen und helles Gaslicht ließen die ärmeren Straßen Londons in ihrer Umgebung wie Höhlen wirken. Wer durch die Tür trat, fühlte sich für einen Abend reich, auch wenn er kaum genug Geld für ein Glas Gin übrighatte.

Charles Dickens beschrieb diese Säle 1836 in einer seiner frühen Skizzen. Er wunderte sich dabei über den Kontrast zwischen der Pracht der Fassaden und dem Elend der Viertel, in denen sie standen. Genau dieser Kontrast machte die Gin-Paläste zu einem festen Bestandteil des viktorianischen Stadtbilds. Sie waren keine Ausnahme, sondern ein Geschäftsmodell, das sich über London und andere Industriestädte ausbreitete. Es funktionierte einfach: Mehr Glanz zog mehr zahlende Gäste an als eine schlichte Theke.

Die Coffey-Brennblase verändert den Geschmack

Parallel zum Bauboom der Gin-Paläste veränderte eine technische Erfindung den Inhalt der Gläser. Der Ire Aeneas Coffey ließ sich 1830 eine verbesserte Form der kontinuierlichen Brennblase patentieren. Sie ist heute als Coffey Still oder Patent Still bekannt. Anders als die klassische Kupferbrennblase, die in einzelnen Durchgängen arbeitet, destilliert die Coffey-Anlage ununterbrochen. Dabei erreicht sie eine deutlich höhere Reinheit. Der entstehende Alkohol war fast geschmacksneutral und enthielt kaum noch die schweren Fuselöle, die ältere Brände oft bitter und ölig schmecken ließen.

Für Gin war das ein Wendepunkt. Brenner konnten nun einen sauberen Grundalkohol herstellen und mussten ihn nicht mehr mit Zucker abmildern, wie es bei älteren, rauen Genevern und frühen englischen Wacholderbränden üblich war. Aus dieser neuen Reinheit entstand ein trockener, klar auf Wacholder ausgerichteter Stil, der bald den Namen London Dry Gin trug. Der Name bezeichnet dabei nicht zwingend eine Herkunft aus London, sondern ein Herstellungsverfahren. Alle Aromen entstehen während der Destillation. Nach dem Brennen darf laut heutiger EU-Spirituosenverordnung nur noch Wasser zugesetzt werden, und der Zuckergehalt bleibt unter 0,1 Gramm je Liter.

Der Name London Dry ist bis heute nicht regional geschützt, anders als etwa Genever oder Vilnius Gin. Selbst eine Brennerei in Deutschland oder Spanien darf ihr Produkt London Dry Gin nennen, solange sie das strenge Herstellungsverfahren einhält. Genau diese Offenheit machte den Stil zum weltweiten Standard, an dem sich fast jede spätere Gin-Generation messen ließ, von den ersten schottischen Marken bis zu den Craft-Brennereien der Gegenwart.

Vom Prunklokal zur eigenen Stilrichtung

London Dry Gin setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als bevorzugter Stil durch, genau in jenen Gin-Palästen, die zuvor noch süßere, geschönte Brände ausgeschenkt hatten. Marken wie Gordon's und Tanqueray, gegründet 1769 beziehungsweise 1830, profitierten von der neuen Brenntechnik. Sie bauten ihren Ruf auf gleichbleibender Qualität auf. Gleichzeitig etablierte sich Plymouth als zweite anerkannte Herkunftsbezeichnung für einen etwas weicheren, erdigeren Gin-Stil aus der gleichnamigen Hafenstadt im Südwesten Englands.

Die Kombination aus sauberem Alkohol und einem festen Regelwerk gab Gin erstmals ein verlässliches Markenversprechen. Wer eine Flasche London Dry Gin kaufte, wusste ungefähr, was ihn erwartete, egal ob er sie in London, Glasgow oder später in Übersee kaufte. Diese Verlässlichkeit war die Voraussetzung dafür, dass Gin bald das Rückgrat eines Getränks wurde, das die Welt bis heute kennt. Sein Ursprung lag nicht in einer Bar, sondern an Bord von Schiffen der Royal Navy.

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