
Neuer, moderner Stil
Contemporary Gin
Contemporary Gin, oft auch New Western Gin genannt, stellt Wacholder nicht mehr in den Mittelpunkt. Zitrusfrucht und Blüten prägen diesen modernen Stil stärker.
Was ist Contemporary Gin?
Contemporary Gin ist kein gesetzlich definierter Begriff wie London Gin, sondern eine Beschreibung für eine neuere Richtung innerhalb der Ginwelt. Rechtlich muss auch dieser Stil die Grundregeln erfüllen, Wacholder muss also weiterhin geschmacklich erkennbar sein, damit ein Produkt überhaupt Gin heißen darf. Der Unterschied liegt in der Gewichtung: Statt Wacholder klar in den Vordergrund zu stellen, treten andere Botanicals gleichberechtigt oder sogar dominanter auf, etwa Gurke, Holunderblüte, Rose oder Hibiskus.
Diese Verschiebung macht den Stil zugänglicher für Menschen, die den kräftigen, harzigen Wacholdergeschmack klassischer Gins als zu intensiv empfinden. Contemporary Gin schmeckt oft blumiger, fruchtiger und leichter, bleibt aber durch die verbleibende Wacholdernote klar als Gin erkennbar.
Für Brennereien bedeutet dieser Stil auch mehr gestalterische Freiheit. Weil kein strenges Regelwerk wie bei London Dry Gin vorschreibt, welche Botanicals in welchem Verhältnis stehen müssen, lassen sich hier ungewöhnliche regionale Zutaten ausprobieren. Das reicht von heimischen Wildkräutern bis zu exotischen Früchten. Am Ende muss nur noch genug Wacholder herauszuschmecken sein. Genau diese Offenheit erklärt, warum sich innerhalb dieser einen Kategorie sehr unterschiedliche Flaschen finden, von zart floralen bis zu kräftig fruchtigen Interpretationen, die geschmacklich kaum noch etwas gemeinsam haben außer dem Wort Gin auf dem Etikett.
Woher stammt die Bezeichnung New Western Gin?
Der Begriff New Western Gin wurde massgeblich durch die Gründer der Marke Aviation Gin in den USA geprägt, um die eigene, weniger wacholderlastige Rezeptur von klassischen europäischen Stilen abzugrenzen. Als früher Wegbereiter dieser Bewegung gilt auch der schottische Gin Hendrick's, der bereits 1999 mit Gurke und Rosenblüte einen deutlich ungewöhnlicheren Geschmack anbot als die etablierten London-Dry-Marken.
In den 2010er-Jahren griffen zahlreiche neue Kleinbrennereien diese Idee auf und brachten eigene Interpretationen auf den Markt, oft mit regionalen Botanicals wie Lavendel, Zitronengras oder heimischen Kräutern. Der craft-getriebene Ginboom dieser Jahre wäre ohne diese Öffnung des Geschmacksspektrums kaum denkbar gewesen.
Die Bezeichnung „New Western“ spielte bewusst mit dem Gegensatz zu „Old World“, also den traditionellen europäischen Stilen. Damit positionierten sich die neuen Marken nicht als Ersatz für London Dry Gin, sondern als eigene, zusätzliche Kategorie neben den etablierten Klassikern, gerichtet an ein Publikum, das offener für ungewöhnliche Geschmacksrichtungen war.
Zitrus- und blütenbetonte Gins erkennen
Beim Verkosten zeigt sich der Contemporary-Stil oft schon am Geruch: Statt harziger Wacholdernadeln liegt zuerst Frucht oder Blüte in der Nase, Zitrone, Grapefruit oder Holunderblüte etwa. Am Gaumen bleibt Wacholder meist im Hintergrund, spürbar aber nicht dominant. Diese Gins eignen sich gut für leichte, spritzige Longdrinks mit hellem Tonic Water, weil sie die fruchtigen Aromen nicht überdecken.
Wer neu in die Ginwelt einsteigt, findet über diese Stile oft einen leichteren Zugang, weil sie weniger an klassischen Wacholderschnaps erinnern. Erfahrene Gin-Trinker schätzen sie dagegen als Abwechslung zum gewohnten London Dry Gin, gerade wenn ein Cocktail von hellen, floralen Noten profitieren soll.
Beim Einkauf hilft ein Blick auf die Zutatenliste oder die Beschreibung der Brennerei, weil der Begriff Contemporary Gin selbst nicht geschützt ist und unterschiedlich verwendet wird. Hinweise wie „blütenbetont“, „zitrusfrisch“ oder eine ausdrückliche Auflistung von Gurke, Rose oder Hibiskus als Hauptbotanicals zeigen meist zuverlässiger, ob eine Flasche wirklich in diese moderne Richtung geht. Auch die Empfehlung auf dem Rückenetikett, den Gin am besten mit einem hellen, wenig süßen Tonic Water zu servieren, ist oft ein verlässliches Zeichen für einen zitrus- oder blütenbetonten Contemporary Gin.