
Rum heute
Die Rum-Renaissance: unabhängige Abfüller, Caroni und Transparenz
Die Rum-Renaissance ist die Neubewertung des Rums seit den 2000er-Jahren: Unabhängige Abfüller bringen einzelne Fässer auf den Markt, Brennereien legen Brennblase, Alter und Zucker offen. Ein Symbol dafür ist Caroni, die 2002 geschlossene Brennerei, deren letzte Fässer Velier 2004 fand.
Was bedeutet Rum-Renaissance?
Lange galt Rum in Europa als Mixgetränk für Cola und Cocktails oder als Zutat zum Backen. Im Regal standen weißer, brauner und goldener Rum, und auf Premiumflaschen ging es vor allem um Süße und Glanz. Woher ein Rum genau kam, in welcher Brennblase er entstand und wie alt er wirklich war, stand selten auf dem Etikett.
Seit den 2000er-Jahren hat sich das geändert. Eine wachsende Gruppe von Kennern, Händlern und Brennereien fragt beim Rum, was beim Single Malt Whisky längst üblich war: Welche Brennerei, welcher Rohstoff, welche Brennblase, welches Fass, wie viel Zucker. Dieser Wandel heißt Rum-Renaissance. Er betrifft nur einen kleinen Teil des Marktes, prägt aber das Bild von Qualität.
Caroni: Wie eine geschlossene Brennerei zur Legende wurde
Die Brennerei Caroni auf Trinidad wurde 1923 gegründet und 2002 stillgelegt. Die Caroni Ltd. wurde am 31. Juli 2003 liquidiert. Zurück blieben Lagerhäuser voller Fässer. 2004 fand Luca Gargano, Chef des italienischen Hauses Velier, diese Bestände, kaufte die Restfässer und die Marke und brachte die Rums in Einzelabfüllungen heraus.
Caroni wurde so zum Sammlerrum. Jede Flasche stammt aus einem Vorrat, der nicht mehr wächst, denn neu gebrannt wird dort nichts mehr. Alle Caroni-Abfüllungen sind daher Altbestände. Der Fall zeigt, was die Renaissance ausmacht: Ein Rum wird nach Brennerei, Jahrgang und Fass beurteilt, nicht nach Farbe oder Marke.
Unabhängige Abfüller: Wer Rum aus fremden Fässern abfüllt
Unabhängige Abfüller brennen selbst nicht. Sie kaufen Fässer von Brennereien und füllen sie unter eigenem Etikett ab, oft als Einzelfass, in Fassstärke und mit genauen Angaben zu Brennerei, Destillationsjahr und Reifezeit. Im Whisky ist das seit Langem üblich, beim Rum war es lange eine Ausnahme. Velier gehört zu den bekanntesten Häusern und brachte auch Clairin, den Zuckerrohrbrand kleiner Brennereien auf Haiti, in den Export.
Parallel entdeckten alte Brennereien ihren eigenen Namen neu. Hampden auf Jamaika, seit der Staatsversteigerung 2009 im Besitz der Familie Hussey, ist heute mit eigenen Abfüllungen bekannt, Worthy Park baute 2005 eine neue Brennerei und brachte 2007 wieder eigenen Rum heraus. Jamaika ließ 2016 die geografische Angabe Jamaica Rum eintragen. Rum, der früher anonym in Verschnitten verschwand, trägt heute oft den Namen seiner Herkunft.
Transparenz: Brennblase, Alter und Zucker offenlegen
Zur Renaissance gehört eine neue Ordnung. Luca Gargano entwickelte mit Richard Seale von der Brennerei Foursquare auf Barbados eine Einteilung nach dem Brennverfahren statt nach der Farbe. Pure Single Rum stammt aus der Brennblase einer einzigen Brennerei, Single Blended Rum verbindet Brennblase und Säule desselben Hauses. Diese Klassifikation ist privat und keine Rechtsnorm.
Der zweite Streitpunkt ist Zucker. Erst seit dem 25. Mai 2021 gilt in der EU für Rum eine Obergrenze von 20 Gramm süßender Erzeugnisse je Liter, vorher gab es keine. Weil der Zucker nicht aufs Etikett muss, machten Laboranalysen etwa des finnischen Alkoholmonopols Alko sichtbar, wie süß manche Rums sind. Dazu kommt die Kritik an Solera-Zahlen, die nach Alter aussehen, aber den ältesten statt den jüngsten Anteil meinen. Für Käufer heißt das: Etikett genau lesen und nach Brennerei, Rohstoff und Altersangabe fragen.
Wie offen die Fragen noch sind, zeigt Barbados. Mount Gay, Foursquare und St Nicholas Abbey legten 2019 und 2020 den Entwurf einer Herkunftsregel vor, die Reifung auf der Insel und Wasser von Barbados verlangen sollte. Die West Indies Rum Distillery widersprach, weil sie auch Reifung im Ausland zulassen wollte. Seit Jahren wird um eine solche Herkunftsregel gestritten.
Und die Renaissance hat Grenzen. Gemessen an der Menge bleibt Rum vor allem ein Massengetränk. Die meistverkaufte Rummarke der Welt ist seit 2018 Tanduay von den Philippinen, der größte Rummarkt ist Indien. Die Debatten um Brennblase, Fass und Zucker betreffen einen kleinen Teil der Flaschen, haben aber verändert, was Fachleute unter gutem Rum verstehen.