
Glas und Wasser
Verkosten
Wie schmeckt Rum aus Trinidad? Der heutige Rum von Angostura ist der sanfte Teil der Antwort. Er riecht nach Karamell, Vanille und getrockneten Früchten, im Mund ist er weich, mit wenig Schärfe und einem Hauch Gewürz. Es ist kein Rum, der wuchtig auftritt, sondern einer, dessen Stärke in der Rundheit liegt und der sich gut mit einem Dessert oder einem Kaffee vergleichen lässt.
Beispiel eins ist Angostura 1919. Nach Angaben des Hauses wird er auf der Mehrsäulenanlage gebrannt und in angekohlten Bourbonfässern gereift. Im Glas zeigt er Karamell, Toffee und Holz. Beispiel zwei ist Angostura 1824, nach Herstellerangabe mindestens zwölf Jahre gereift; Händler beschreiben ihn mit Gewürz, Rosine und Vanille, also mit mehr Tiefe als den jüngeren Bruder.
Beispiel drei ist kein Angostura, sondern eine Caroni-Abfüllung von Velier, etwa der Jahrgang 1982 mit 23 Jahren und 62 Prozent vol. Hier riecht man nicht Frucht, sondern Erde, Teer und Gummi. Das ist der Stil der Brennerei und kein Fehler. Solche Flaschen sind selten, weil keine neue Produktion nachfolgt, und werden vor allem in Fachkreisen verglichen.
Ein Nosing-Glas oder ein Tulpenglas, dessen Rand sich verjüngt und die Aromen sammelt, ist die richtige Wahl. Bei Zimmertemperatur, etwa 18 bis 20 Grad, zeigen sich die Noten am besten. Ist Rum zu kalt, wirkt er stumm, ist er zu warm, steigt vor allem Alkohol in die Nase.
Pur oder mit Wasser? Bei 40 Prozent vol braucht der Angostura kein Wasser. Ein Caroni mit 62 Prozent vol brennt dagegen ohne Verdünnung auf der Zunge, deshalb geben viele Verkoster mit einer Pipette ein paar Tropfen Wasser dazu und riechen zwischendurch. Man nimmt kleine Schlucke, atmet durch die Nase aus und achtet auf den Abgang: Wie lange bleibt der Geschmack, und ändert er sich?