Gustofolio
WissensweltManufakturen
ErfassenSammlungGeschmackGenießenTeilen
Roadmap
WissensweltManufakturenErfassenSammlungGeschmackGenießenTeilenBeta-RoadmapKonto erstellen
AnmeldenKonto erstellen
GetränkelexikonLexikonWissensreiseReisenThemenweltenThemenAlle ArtikelArtikelCocktailrezepteCocktails
  1. Alle Reisen
  2. ›
  3. Schaumwein-Reise
  4. ›
  5. Geschichte des Schaumweins
  6. ›
  7. Kapitel 3 von 10
Die Witwe Clicquot und die Frauen der Champagne

Witwen als Chefinnen

Die Witwe Clicquot und die Frauen der Champagne

Barbe-Nicole Clicquot, geborene Ponsardin, übernahm 1805 als Witwe das Champagnerhaus ihres Mannes und prägte es über Jahrzehnte. Unter ihr entstanden der erste bekannte Jahrgangschampagner 1810, das Rüttelpult 1816 und 1818 der erste bekannte Rosé aus einer Mischung von Weiß- und Rotwein.

Warum führten Witwen die Champagnerhäuser?

Das Wort Veuve, Witwe, steht bis heute auf einigen der bekanntesten Etiketten der Champagne. Dahinter steckt ein rechtlicher Grund. Nach dem französischen Zivilgesetzbuch von 1804, dem Code civil, konnte eine verheiratete Frau kaum ohne ihren Mann Verträge schließen oder ein Geschäft führen. Als Witwe dagegen war sie rechtlich selbstständig. Wer den Ehemann verlor, durfte also plötzlich ein Unternehmen leiten, was einer Ehefrau verwehrt blieb.

Barbe-Nicole Ponsardin hatte in die Familie Clicquot eingeheiratet, deren Haus Philippe Clicquot 1772 in Reims gegründet hatte. Ihr Mann François starb 1805, sie war damals Ende zwanzig. Statt das Geschäft zu verkaufen, führte sie es selbst weiter und baute es in den folgenden Jahrzehnten zu einer der großen Marken aus. Das Haus heißt seither Veuve Clicquot Ponsardin und gehört heute zum Konzern LVMH.

Rüttelpult 1816: Wie der Champagner klar wurde

Das größte Problem des frühen Champagners war die Hefe. Nach der zweiten Gärung bleibt sie als trüber Bodensatz in der Flasche. Lange füllte man den Wein deshalb um oder schenkte ihn trüb aus, und beides kostete Kohlensäure. 1816 fand das Haus Clicquot mit seinem Kellermeister Antoine Müller eine Lösung. Es war ein schräges Holzbrett mit Löchern, in dem die Flaschen kopfüber steckten.

Die Flaschen wurden täglich leicht gedreht und etwas steiler gestellt. So rutschte die Hefe nach und nach in den Flaschenhals. Diesen Vorgang nennt man Rütteln, französisch Remuage. Am Ende öffnete man die Flasche kurz, der Druck schob den Hefepfropfen heraus, und der Wein blieb klar zurück. Dieses Entfernen heißt Degorgieren. Das Prinzip gilt bis heute, auch wenn die meisten Häuser das Rütteln inzwischen Maschinen überlassen, den sogenannten Gyropaletten.

Erster Jahrgangschampagner und erster Rosé-Champagner

Auch der Jahrgangschampagner führt zu diesem Haus. Als erster bekannter Champagner aus einem einzigen Erntejahr gilt ein Wein von Veuve Clicquot aus 1810. Das war eine bewusste Entscheidung gegen die übliche Mischung mehrerer Jahre. Ein Jahrgang zeigt den Charakter einer bestimmten Ernte, eine Mischung gleicht Schwankungen aus. Beide Wege gibt es bis heute nebeneinander, und beide haben eigene Regeln für die Mindestreife.

1818 folgte der erste bekannte Rosé, der durch Mischen von Weißwein mit etwas Rotwein entstand. Man nennt das Assemblage-Rosé. Bei Stillwein ist dieses Verfahren in der EU verboten, bei der Cuvée für Schaumwein ist es erlaubt, und in der Champagne ist es bis heute der übliche Weg. Daneben gibt es den Saignée-Rosé, dessen Farbe aus kurzem Kontakt mit roten Schalen stammt. Dass Ruinart schon 1764 Rosé verkauft haben soll, ist nur aus zweiter Hand überliefert.

Louise Pommery, Lily Bollinger und andere Chefinnen

Barbe-Nicole Clicquot blieb nicht die einzige. Louise Pommery verlor ihren Mann Alexandre 1858, kurz nach der Gründung des Hauses Pommery & Greno in Reims. Sie führte es weiter und richtete es stark auf den englischen Markt aus, der trockenere Weine verlangte. Ihr Pommery Nature von 1874 gilt in vielen Darstellungen als erster Champagner im Stil Brut, also deutlich trockener als die damals üblichen süßen Weine. Gesichert ist, dass sich der Geschmack in dieser Zeit Richtung trocken verschob.

Im 20. Jahrhundert übernahm Lily Bollinger das Haus Bollinger in Aÿ, nachdem ihr Mann Jacques 1941 gestorben war. Sie führte es durch die deutsche Besatzung und danach über Jahrzehnte. Ihr Weg ähnelt dem der Witwe Clicquot mehr als ein Jahrhundert früher. Heute leiten viele Frauen Häuser, Weingüter und Keller in der Champagne, ohne dass ein Todesfall dafür nötig wäre. Das Wort Veuve auf dem Etikett erinnert an eine Zeit, in der das Recht das anders regelte.

Kurz unterschieden

Jahrgangschampagner
Trauben aus einem einzigen Erntejahr, mindestens 36 Monate Reife ab Tirage; als erster bekannter gilt Veuve Clicquot 1810.
Champagner ohne Jahrgang
Mischung mehrerer Jahre für einen gleichbleibenden Hausstil; mindestens 15 Monate ab Tirage, davon 12 Monate auf der Hefe.
Assemblage-Rosé
Rosé aus Weißwein und etwas Rotwein; bei Schaumwein-Cuvées erlaubt, bei Stillwein in der EU verboten; erster bekannter 1818.

Dazu im Lexikon

Champagner im LexikonRütteln und Degorgieren in der FlaschengärungWas Brut heute bedeutet
ZurückWas war der erste Schaumwein? Limoux, Glas und KorkenWeiterKrug, Bollinger, Heidsieck, Mumm: Deutsche in der Champagne

Bilder mit KI erstellt · Texte KI-gestützt, redaktionell geprüft