
Die Tequila-Agave
Blaue Weber-Agave
Nur eine einzige Agave darf zu Tequila werden: die Blaue Weber-Agave, benannt nach dem Botaniker, der sie 1902 beschrieb. Fast jede Pflanze auf den Feldern von Jalisco ist genetisch die Klon-Kopie ihrer Nachbarin. Das macht die Ernte planbar, aber auch verletzlich.
Eine Pflanze für eine Agave
Tequila darf laut mexikanischem Recht nur aus einer einzigen Pflanze entstehen: Agave tequilana Weber, meist kurz Blaue Weber-Agave oder Blaue Agave genannt. Den Namen verdankt sie Franz Weber, einem Botaniker, der die Art 1902 wissenschaftlich beschrieb. Von den mehr als zweihundert Agavenarten ist das die einzige, die im Anbaugebiet von Jalisco und den umliegenden Regionen als Rohstoff zugelassen ist.
Wer dort eine andere Agave pflanzt, kann daraus Mezcal, Raicilla oder ein anderes Getränk machen, aber niemals Tequila. Umgekehrt gilt: Wächst dieselbe Blaue Weber-Agave außerhalb der geschützten Gemeinden, etwa in Kalifornien oder Südafrika, darf das Ergebnis trotzdem nicht Tequila heißen. Der Name hängt am Gebiet, nicht allein an der Pflanze.
Klone von Klonen: die Hijuelos
In der Praxis vermehren Bauern die Blaue Agave fast nie über Samen. Stattdessen trennen sie junge Ableger, die Hijuelos, von der Basis einer ausgewachsenen Pflanze und setzen sie neu. Jeder Hijuelo ist ein genetischer Klon der Mutterpflanze, kein Nachkomme mit eigener Mischung aus Erbgut. Nach etwa sechs bis acht Jahren ist aus dem Ableger wieder eine erntereife Pflanze geworden.
Das hat einen klaren Vorteil: Wachstum, Zuckergehalt und Reifezeit lassen sich gut vorhersagen, weil praktisch jede Pflanze auf dem Feld genetisch identisch ist. Über Jahrzehnte hinweg ist so eine riesige Fläche entstanden, auf der im Grunde eine einzige Agave immer wieder kopiert wächst, Reihe für Reihe, Feld für Feld.
Der Preis der Monokultur
Genetische Einheitlichkeit hat eine Kehrseite. Wenn tausende Pflanzen auf demselben Feld praktisch identisch sind, trifft ein Schädling oder eine Krankheit sie alle gleich stark. Genau das geschah in den neunziger Jahren, als Bakterien, Pilze und ein Rüsselkäfer gemeinsam ganze Anbaugebiete schwächten und viele Felder absterben ließen.
Weil kaum genetische Vielfalt vorhanden war, gab es keine widerstandsfähigeren Pflanzen, die den Befall besser überstanden hätten. Bis heute bleibt das Risiko bestehen, sobald ein Erreger eine Lücke in der Abwehr der Sorte findet. Manche Erzeuger mischen deshalb inzwischen wieder vereinzelt samenvermehrte Pflanzen unter die Klone, auch wenn das die Ernte weniger vorhersagbar macht.
Blau, aber warum
Ihren Namen verdankt die Agave einer feinen, wächsernen Schicht auf den Blättern, die das Sonnenlicht bläulich-grau reflektiert und gleichzeitig Feuchtigkeit im Blatt hält. Reibt man diese Schicht ab, kommt darunter sattes Grün zum Vorschein. Botanisch trägt die Pflanze deshalb den Zusatz „azul", spanisch für blau.
Auf den roten Vulkanböden von Jalisco bilden die blaugrauen Rosetten einen auffälligen Kontrast, der zu einem der bekanntesten Landschaftsbilder Mexikos geworden ist. Reihen aus Blauer Agave ziehen sich dort über Hügel und Ebenen, so weit das Auge reicht, und sind seit 2006 sogar Teil eines Weltkulturerbes der UNESCO.
Was gegen die Monokultur hilft
Weil das Risiko der genetischen Einheitlichkeit seit Jahren bekannt ist, arbeiten Forschungseinrichtungen in Jalisco und einzelne Erzeuger gemeinsam an Gegenmitteln. Manche testen Agaven aus Samen statt aus Hijuelos, um wieder genetische Vielfalt ins Feld zu bringen. Andere pflegen Sammlungen mit Wildformen und älteren Linien der Blauen Agave, um im Ernstfall auf robustere Pflanzen zurückgreifen zu können. Auch Labore, die Pflanzen im Reagenzglas vermehren, gehören inzwischen zum Werkzeugkasten der Branche.
Solche Ansätze bleiben bislang die Ausnahme, weil samenvermehrte Pflanzen langsamer und ungleichmäßiger wachsen als Klone. Für die breite Industrie zählt weiterhin Berechenbarkeit mehr als genetische Absicherung, schon weil sich Erträge so leichter planen lassen. Trotzdem gilt der Ansatz vielen Fachleuten als eine der wenigen langfristigen Antworten auf ein Problem, das mit jeder neuen Pflanzengeneration größer werden könnte.