100 Prozent oder Mixto

100 Prozent Agave

100 Prozent oder Mixto

Auf vielen Flaschen steht „100 % Agave", auf anderen einfach nur „Tequila". Der Unterschied ist kein Marketingdetail, sondern eine gesetzliche Grenze: Bei einfachem Tequila darf fast die Hälfte der Zucker aus ganz anderen Quellen stammen.

Die 51-Prozent-Regel beim Mixto

Die NOM-006 unterscheidet zwei Kategorien. Bei „100 % Agave" müssen sämtliche vergärbaren Zucker aus der Blauen Weber Agave stammen. Bei einfachem „Tequila", im Handel oft „Mixto" genannt, reichen mindestens 51 Prozent Agavezucker, der Rest darf aus anderen Zuckerquellen kommen.

Diese fehlenden bis zu 49 Prozent stammen meist aus Rohrzucker oder Glukosesirup, die deutlich billiger sind als der aufwendig gewonnene Agavezucker. Ein Mixto ist deshalb günstiger in der Herstellung, muss dafür aber offen als „Tequila" ohne den Zusatz „100 % Agave" gekennzeichnet sein. Wer beim Einkauf nur schnell aufs Etikett schaut, übersieht diesen Unterschied leicht, weil sich beide Flaschen äußerlich kaum unterscheiden.

Was Abocamiento bedeutet

Neben der Zuckerherkunft erlaubt das Gesetz beim reifenden Tequila noch einen zweiten Eingriff, das sogenannte Abocamiento. Karamell zur Farbgebung, Eichenextrakt, Glycerin für mehr Fülle und Zuckersirup dürfen zusammen bis zu einem in der Branche verbreiteten Richtwert von etwa einem Prozent des Gewichts zugesetzt werden. Auf dem Etikett muss das nicht auftauchen. Für Verbraucher ist dieser Zusatz im Geschmack oft kaum wahrnehmbar, verändert aber Farbe und Textur des fertigen Tequilas spürbar.

Genau daraus ist eine eigene Gegenbewegung entstanden: Unabhängige Prüfstellen wie Tequila Matchmaker testen Flaschen im Labor und kennzeichnen additivfreie Tequilas gesondert, weil das Gesetz selbst dazu schweigt. Bei Blanco ist die Lage strenger geregelt als bei gereiften Klassen, die genauen Grenzen dafür sind in den Quellen allerdings nicht einheitlich belegt.

Wo der Tequila abgefüllt werden darf

Ein zweiter großer Unterschied betrifft den Ort der Abfüllung. „100 % Agave"-Tequila muss vollständig in Mexiko in den zugelassenen Betrieben in die Flasche kommen, auch wenn er später ins Ausland exportiert wird. Diese Regel soll verhindern, dass der Inhalt auf dem langen Weg verändert oder gestreckt wird.

Einfacher Tequila (Mixto) darf dagegen im großen Tankcontainer, im Fachjargon „a granel", exportiert und erst im Zielland abgefüllt werden. Genau das war jahrzehntelang gängige Praxis bei vielen Massenmarken, bis Verbraucherschützer und mexikanische Produzenten mehr Transparenz forderten. Heute werben viele Marken deshalb bewusst mit dem Hinweis, direkt in Mexiko abgefüllt worden zu sein.

Warum Mezcal diese Unterscheidung nicht kennt

Ein Blick zu Mezcal zeigt, wie unüblich diese Zweiteilung eigentlich ist. Mezcal muss nach der NOM-070 immer zu 100 Prozent aus Agavezucker bestehen, ein „Mixto" gibt es dort nicht. Wer bei Mezcal mit Fremdzucker streckt, darf das Ergebnis gar nicht mehr Mezcal nennen. Historisch geht die Lockerung bei Tequila auf eine Zeit zurück, in der die Nachfrage schneller wuchs, als reine Agave verfügbar war.

Für Käufer bedeutet das: Die Aufschrift „100 % Agave" ist bei Tequila eine echte Zusatzinformation, bei Mezcal dagegen selbstverständlich und wird deshalb auf dem Etikett meist gar nicht extra betont.

Cristalino: ein Name ohne eigenen Status

Eine weitere Verwirrung entsteht durch die Bezeichnung „Cristalino". Sie klingt wie eine eigene gesetzliche Kategorie, ist aber keine: Die NOM-006 kennt nur Blanco, Joven, Reposado, Añejo und Extra Añejo als offizielle Klassen. „Cristalino" ist ein reiner Handelsname für einen gereiften Tequila, der nachträglich gefiltert und entfärbt wurde, meist über Aktivkohle.

Das Ergebnis sieht aus wie ein Blanco, hat aber die Reifezeit eines Añejo oder Extra Añejo durchlaufen. Für den Namen „Tequila" selbst ändert sich dadurch nichts, denn Cristalino bleibt in seiner Grundkategorie ganz normal reguliert. Der Begriff zeigt aber gut, dass nicht jeder Name auf dem Etikett auch ein Rechtsbegriff ist. Wer Wert auf reine Agave legt, sollte deshalb eher auf Kategorie und Agaveanteil achten als auf schicke Handelsnamen.

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