
Fest und Opfergabe
Opfergabe und Fest
Agavenbrände tragen in Mexiko oft mehr als Geschmack: ein Glas auf dem Ofrenda-Altar zum Día de Muertos, kleine Fläschchen als Hochzeitsgeschenk, eine Geste der Gastfreundschaft beim Besuch. Fest und Erinnerung gehören zum Trinken dazu.
Auf der Ofrenda: ein Schluck für die Toten
Zum Día de Muertos, dem Tag der Toten am 1. und 2. November, bauen Familien eine Ofrenda, einen Altar mit Fotos, Ringelblumen und den Lieblingsspeisen der Verstorbenen.
Mochte jemand zu Lebzeiten Tequila oder Mezcal, steht ein Glas davon mit auf dem Altar – als Einladung, für eine Nacht zurückzukehren und mitzufeiern.
Agavenbrand als Hochzeitsgeschenk
Bei Hochzeiten sind kleine Fläschchen Mezcal oder Tequila ein verbreitetes Gastgeschenk, oft mit dem Namen des Brautpaars und dem Datum beschriftet.
Gäste nehmen sie als Erinnerung mit nach Hause, statt sie vor Ort zu leeren – ein Andenken, das länger hält als die Feier selbst.
Gastfreundschaft: ein Glas anbieten
Einem Gast beim Betreten des Hauses ein Glas anzubieten, gilt in weiten Teilen Mexikos als Geste der Herzlichkeit.
Wie verbindlich das gehandhabt wird, hängt stark von Familie und Region ab. Ein pauschales „das muss man annehmen“ gibt es nicht, wohl aber die Erwartung, dass ein Angebot überhaupt gemacht wird.
Regionale Unterschiede: Oaxaca und Jalisco
In Oaxaca ist bei diesen Anlässen meist Mezcal im Spiel, in Jalisco eher Tequila – beide Regionen verbinden das jeweils eigene Getränk mit Fest, Familie und Erinnerung.
Wer ohne Alkohol feiert, findet zunehmend auch alkoholfreie Alternativen auf solchen Feiern, ein noch junger Trend gegenüber der langen Tradition der Brände selbst.
El Grito: Tequila zum Unabhängigkeitstag
Am Abend des 15. September, dem Vorabend des mexikanischen Unabhängigkeitstags, ruft landesweit der „Grito de Independencia“ die Menge zusammen – von kleinen Dorfplätzen bis zum Nationalpalast in Mexiko-Stadt. Nach den Rufen „¡Viva México!“ folgt vielerorts ein gemeinsamer Trinkspruch, in vielen Familien mit Tequila.
Der Brauch ist regional unterschiedlich stark ausgeprägt: In Jalisco, dem Herkunftsgebiet des Tequilas, gehört das Glas zum Fest fast selbstverständlich dazu, anderswo wird ebenso oft mit Bier oder ganz ohne Alkohol gefeiert.
Häufig verwechselt werden die Daten: Der eigentliche Ausruf, der „Grito“, findet in der Nacht vom 15. auf den 16. September statt, gefeiert wird an beiden Tagen. Der 16. September ist der gesetzliche Feiertag, der an den Beginn des Unabhängigkeitskriegs 1810 erinnert – die große Zeremonie mit Ausruf und anschließendem Toast liegt aber am Abend zuvor.
Quinceañera und andere Familienfeste
Bei der Quinceañera, der Feier zum fünfzehnten Geburtstag vieler Mädchen in Mexiko, heben die erwachsenen Gäste oft einen kurzen Brindis, einen Trinkspruch, meist mit Tequila. Die Jugendliche selbst steht im Mittelpunkt des Fests, nicht das Getränk.
Ähnliche kurze Trinksprüche gehören auch zu Hochzeiten, Taufen und runden Geburtstagen dazu – ein gemeinsames Glas, gehoben auf die Feiernden, nicht als Aufforderung zum Weitertrinken, sondern als Geste.
Charreada: Tequila beim mexikanischen Rodeo
Bei der Charreada, dem traditionellen mexikanischen Reit- und Rodeo-Wettbewerb, gehört ein Glas Tequila für Zuschauer und Reiter oft zum Nachmittag dazu, besonders in Jalisco, das als Ursprungsregion der Charreada gilt. Mariachi-Musik, Pferde und ein Tequila in der Hand sind ein Bild, das international für mexikanische Festkultur steht, auch wenn es nur einen Ausschnitt davon zeigt.
Wie beim Grito oder der Quinceañera bleibt das Getränk Begleiter eines Anlasses, der auch ohne Alkohol funktioniert. Wer nicht trinkt, verpasst weder Musik noch Wettbewerb.
In anderen Regionen Mexikos übernehmen andere Feste eine ähnliche Funktion: Volksfeste rund um die Ernte, kirchliche Patronatsfeste oder lokale Rodeos bringen Musik, Essen und ein Glas Agavenbrand auf vergleichbare Weise zusammen. Was sich unterscheidet, ist meist nur der Name des Anlasses und das Getränk, das dazu gereicht wird – Tequila in Jalisco, Mezcal in Oaxaca, anderswo auch Bacanora oder Sotol.