
Schlank für Riesling
Gläser
Ein Riesling verträgt kein großes Glas. Seine Aromen sind fein: Limette, Jasminblüte, manchmal ein Hauch nasser Kieselstein. In einer weiten Schale mit viel Luftkontakt verflüchtigen sie sich, bevor sie überhaupt in die Nase kommen. Ein schmales, hoch aufsteigendes Glas mit engem Rand bündelt genau das, was sonst verlorenginge.
Bei einem gereiften Riesling aus dem Eden Valley kommt noch ein zweiter Grund dazu. Nach fünf, zehn oder mehr Jahren entwickelt die Sorte einen Duft, der an Petroleum erinnert. Dahinter steckt ein Aromastoff namens TDN, der sich mit der Zeit aus harmloseren Vorläufern in der Traube bildet. Das enge Glas hält diesen Duft konzentriert genug, dass man ihn als Teil des Weines erkennt und nicht als Fehler abtut.
Ein Shiraz, wie ihn Henschke und andere Güter der Region ausbauen, braucht das Gegenteil. Er kommt mit kräftigem Tannin und dunkler Frucht ins Glas. Beides wirkt in einer engen Form hart und geschlossen. Ein bauchiges Glas mit deutlich größerer Oberfläche lässt den Wein atmen, mildert die erste Schärfe des Tannins und öffnet ganz allmählich Aromen von schwarzer Beere, weißem Pfeffer, getrockneten Kräutern und geräuchertem Holz.
Die Temperatur entscheidet ebenso mit wie die Form. Riesling schmeckt am besten kühl, zwischen acht und zehn Grad, sonst wirkt die Säure schrill statt frisch. Der Shiraz verträgt deutlich mehr Wärme, um sechzehn bis achtzehn Grad. Kalter Rotwein lässt sein Tannin sonst noch härter erscheinen, als es ohnehin schon ist.
Wer beide Weine an einem Abend probiert, merkt schnell: Dasselbe Glas für beide zu benutzen heißt, einen der beiden schlechter schmecken zu lassen, als er ist. Die Region liefert zwei fast entgegengesetzte Weinstile aus denselben Hügeln. Die Gläser dafür könnten kaum unterschiedlicher sein.