
Jung bis Toastig
Verkosten
Reihen sagen mehr als einzelne Gläser. Am besten verkostet man Hunter-Semillon nicht als einzelnes Glas, sondern als Reihe, vom jüngsten bis zum ältesten Jahrgang. Ein junger Wein aus Lovedale riecht nach Limette und frisch gemähtem Gras. Er schmeckt schlank und fast schüchtern, man fragt sich unwillkürlich, was daran besonders sein soll.
Nach fünf Jahren beginnt sich das zu drehen. Erste Röstnoten mischen sich unter das Zitrusaroma, die Säure bleibt aber messerscharf im Hintergrund stehen. Nach zehn, fünfzehn Jahren kippt der Wein endgültig: Honig, Toastbrot, ein Hauch Lanolin. Trotzdem keine Spur von Süße, denn Zucker war von Anfang an nie im Spiel.
In sehr alten Flaschen aus Pokolbin findet man manchmal kleine, glasklare Kristalle am Flaschenboden, und das ist Weinstein, ausgefallene Weinsäure, harmlos und sogar ein gutes Zeichen: Er zeigt, dass der Wein nie stabilisiert wurde und seinen ursprünglichen Säuregehalt bis heute trägt.
Shiraz verkostet sich vollkommen anders, fast wie ein zweiter Wein aus einer anderen Gegend. In der Nase kommen Erde, schwarzer Pfeffer und ein Hauch Leder vor der Frucht, und am Gaumen bleibt er mittelgewichtig, nie so wuchtig wie ein Barossa-Shiraz. Das überrascht. Wer vom Etikett schon einen fetten Wein erwartet, unterschätzt diese Zurückhaltung.
Wer beide Weine nebeneinanderstellt, versteht das ganze Tal auf einen Schlag. Der Weißwein verändert sich über Jahrzehnte, der Rotwein flüstert von Anfang an lieber, als dass er schreit. Das ist selten in einer einzigen Region zu finden.