
Grüner Stiel, schmale Form
Gläser
Traditionelle Moselgläser erkennt man von Weitem: Sie haben einen grünen Stiel, während die Gläser vom Rhein einen braunen tragen. Der Unterschied ist keine Mode. Er ist eine alte Handwerksfarbe. Grünes Glas ließ sich mit den lokalen Rohstoffen leichter herstellen, und die Farbe blieb, lange nachdem sie technisch nicht mehr nötig war. Heute steht sie höchstens noch beim Winzer auf dem Tisch, in ernsthaften Verkostungen greift man zum klaren Kelch.
Für Riesling zählt vor allem die Form, nicht die Farbe. Ein schmales, nach oben leicht verjüngtes Glas hält die kühlen, spitzen Aromen zusammen: Zitrus, grüner Apfel, dazu die steinige Note, die viele mineralisch nennen. Ein weites Glas, wie man es für schwere Rotweine nimmt, lässt genau diese feinen Töne verfliegen, bevor sie überhaupt die Nase erreichen. Weniger Öffnung, mehr Duft.
Die Trinktemperatur schwankt hier stärker als bei fast jeder anderen Weinart, weil die Süße es tut. Ein trockener Wein aus einer steilen Lage wie dem Ürziger Würzgarten kommt am besten bei acht bis zehn Grad ins Glas, kälter als viele erwarten, weil die hohe Säure sonst zu aggressiv wirkt. Ein süßer Wein mit viel Restzucker verträgt noch etwas mehr Kälte, damit die Süße nicht plump schmeckt, sondern von der Säure gebremst wird.
Bei den seltenen, sehr süßen Stufen ändert sich auch die Menge. Ein Eiswein, hochkonzentriert und oft mit über 150 Gramm Restzucker je Liter, wird nicht wie ein normaler Wein eingeschenkt. Er kommt in kleine Gläser mit fünfzig bis siebzig Millilitern, kaum mehr als ein Fingerhut voll. Genug für ein Aroma, das ohnehin lange am Gaumen bleibt.
Ein letzter Unterschied betrifft das Schwenken. Weil Riesling von der Mosel selten viel Alkohol mitbringt, meist zwischen sieben und elf Prozent, entwickelt er sich im Glas langsamer als ein schwerer Wein. Wer sofort schwenkt und riecht, verpasst oft die ruhige erste Nase mit der reinen Frucht. Hier lohnt sich Geduld.