Gläser in der Region Rheingau

Schmal oder weit

Gläser

Der Rheingau ist die einzige deutsche Region, in der zwei sehr unterschiedliche Weine um dasselbe Glas konkurrieren. Gemeint sind ein schlankes weißes und ein zartes rotes. Beide brauchen Platz für den Duft und wenig für den Alkohol. Trotzdem sieht das richtige Glas für jeden anders aus.

Für einen trockenen Erstes-Gewächs-Riesling passt ein schmales, hochgezogenes Kelchglas mit enger Öffnung. Der schmale Bauch lenkt den Wein beim Trinken zuerst an die Zungenspitze, weg von den Seitenrändern, wo die hohe Säure eines Rheingau-Rieslings sonst zu scharf ankommt. Die enge Öffnung bündelt außerdem den empfindlichen Duft nach Pfirsich, Zitrus und Weißblüte, der sich in einem weiten Glas einfach verflüchtigt, bevor die Nase ihn überhaupt erreicht.

Serviert wird kühl: acht bis zehn Grad für einen leichten Kabinett, zwei Grad wärmer für ein trockenes Erstes Gewächs mit mehr Kraft. Kälter schmeckt nur nach Säure, wärmer verliert der Wein seine Frische — dieselbe Balance, für die der Verein Charta 1984 überhaupt erst gegründet wurde.

Der Assmannshausener Spätburgunder verlangt das Gegenteil: ein weites, bauchiges Glas mit viel Oberfläche, wie man es eher aus dem Burgund kennt. Seine Farbe ist hell, sein Tannin fein. In einem engen Glas wirkt er schnell dünn und verschlossen. Erst der große Bauch gibt ihm Raum, seine Kirsch- und Walderdbeeraromen zu entfalten.

Eingeschenkt wird beides sparsam: ein Glas höchstens bis zur breitesten Stelle, das sind bei einem üblichen Kelch etwa hundertfünfzig Milliliter. Wer randvoll einschenkt, raubt dem Wein genau den Raum, für den das jeweilige Glas überhaupt geformt wurde. Schmal für den Riesling, weit für den Spätburgunder.

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