
1086 bis heute
Region & Geschichte
Ob keltische oder römische Siedler am Fuß der South Downs schon Reben zogen, lässt sich nicht sicher belegen. Sicher belegt sind dagegen 45 Weinberge, die das Domesday Book von 1086 im Südosten Englands verzeichnet, die meisten im Besitz normannischer Herren oder großer Abteien. Sussex war darunter.
Battle Abbey, gegründet an der Stelle der Schlacht von Hastings, unterhielt einen eigenen Weinberg. Um 1275 gab das Kloster den Anbau auf. Zwei Gründe kommen dafür infrage: ein kühleres Klima in den Jahrzehnten der beginnenden Kleinen Eiszeit, und die Ehe Heinrichs des Zweiten mit Eleonore von Aquitanien, die englischen Höfen plötzlich zollfreien Wein aus der Gascogne bescherte. Gegen billigen Import aus dem eigenen Königreich hatte einheimischer Wein keine Chance.
Fast siebenhundert Jahre lang blieb es bei einzelnen Hobbygärten. Erst 1972 kauften Janet und Rodney Pratt ein heruntergekommenes Anwesen bei Bolney. Im Jahr darauf pflanzten sie die ersten tausend Stöcke – Müller-Thurgau, die sechste kommerzielle Rebfläche Englands überhaupt. Zwei Jahre später folgte Breaky Bottom im Osten der Grafschaft. Beide Betriebe bewiesen, dass in Sussex reifer Wein wachsen konnte, auch wenn noch niemand an Champagner-Format dachte.
Den entscheidenden Schritt wagte 1988 ein amerikanisches Ehepaar. Stuart und Sandy Moss pflanzten auf ihrem Gut Nyetimber bei West Chiltington gezielt Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Das waren dieselben drei Rebsorten wie in der Champagne, gepflanzt ausschließlich für Schaumwein nach klassischer Flaschengärung. Sieben Jahre später gründeten Mike und Christine Roberts in Ditchling, unterhalb der South Downs, das Weingut Ridgeview. Beide Häuser zählen bis heute zu den bekanntesten Namen Englands. Nyetimber nannte seine 2018 vorgestellte Spitzencuvée schlicht 1086 – nach dem Jahr, in dem das Gut erstmals im Domesday Book auftauchte.
2010 folgte mit Rathfinny in der Cuckmere Valley bei Alfriston ein Projekt in ganz anderer Größenordnung. 93 Hektar Reben stehen dort auf einem einzigen Gut, kaum drei Meilen vom Meer entfernt. Im Juni 2022 erkannte die britische Landwirtschaftsbehörde Sussex offiziell als eigene Herkunftsbezeichnung an. Es war die erste ihrer Art im Land nach dem Austritt aus der EU. Damit dürfen sich nur noch Weine so nennen, deren Trauben vollständig in East und West Sussex wachsen, doch anders als in der Champagne schreibt die Regelung dabei keine bestimmten Rebsorten vor. Heute stammen 28 Prozent des gesamten britischen Weins aus Sussex, von 138 Weinbergen – mehr als aus jeder anderen Grafschaft.