
Cassis & Zeder
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Halte ein Glas jungen Médoc gegen etwas Weißes, und die Farbe verrät sofort die Sorte dahinter: tief violettrot, fast undurchsichtig am Rand, dank der dicken Schale des Cabernet Sauvignon. Ein Saint-Émilion mit viel Merlot wirkt daneben oft eine Nuance heller und wärmer, mehr Rubin als Violett. Nach zehn, fünfzehn Jahren wandert beides Richtung Ziegelrot.
In der Nase riech zuerst ruhig, dann nach dem Schwenken. Der Unterschied ist erheblich. Cabernet Sauvignon bringt fast immer schwarze Johannisbeere mit, auf Englisch als cassis bekannt, dazu oft eine mineralische Note, die Kenner Bleistiftspitze nennen. Merlot steuert mehr Pflaume und Kirsche bei, weicher und runder als die herbe Cassis-Frucht seines Verschnittpartners.
Mit den Jahren im Fass und in der Flasche kommt eine dritte Ebene dazu, die nichts mit der Traube selbst zu tun hat: Zeder, Tabak, manchmal ein Hauch Leder. Diese Aromen stammen aus dem Holz und aus der langsamen Reifung, nicht aus dem Weinberg. Ein junger Bordeaux riecht nach Frucht. Ein zwanzig Jahre alter erzählt eine andere Geschichte.
Im Mund ist das Tannin das bestimmende Gefühl, vor allem im tanninreicheren Médoc: ein trockenes, fast staubiges Rauen an Zunge und Zahnfleisch, das bei einem jungen Wein hart wirken kann. Die Säure sitzt seitlich an der Zunge und hält den ganzen Wein frisch. Beides zusammen, getragen von genug Frucht, ergibt Struktur. Fehlt die Frucht, bleibt nur Härte übrig.
Zähl am Ende, wie lange der Geschmack bleibt, nachdem du geschluckt hast. Bei einem einfachen Bordeaux sind das wenige Sekunden. Bei einem großen Wein aus Pauillac oder Pomerol zählt man leicht über zwanzig, manchmal dreißig, und diese Länge lässt sich im Keller nicht fälschen, weder mit Zucker noch mit Holz. Deshalb gilt sie als eines der zuverlässigsten Qualitätszeichen überhaupt.