
Frost, Hagel, Hitze
Klima
Die Côte d'Or liegt genau auf dem Breitengrad, auf dem Pinot Noir gerade noch zuverlässig reift, und das ist keine Randnotiz, sondern der Kern der ganzen Region. Weiter nördlich schafft die Rebe kaum genug Reife. Weiter südlich verliert sie die Säure, die sie ausmacht. Dazwischen herrscht ein gemäßigtes Klima mit kontinentalem Einschlag, heiße Sommer, kalte Winter, und ein Frühling, der launisch genug ist, um jedes Jahr für Nervosität unter den Winzern zu sorgen.
Diese Nervosität hat einen Namen: Spätfrost. Wenn die Reben im April schon ausgetrieben haben und die Nacht plötzlich unter minus vier Grad fällt, sterben die jungen Triebe binnen Stunden ab. 2016, 2017 und 2021 traf es die Winzer besonders hart, und zwar so hart, dass von Chablis über die Côte de Nuits bis ins Mâconnais kaum ein Gebiet verschont blieb. Als Gegenmittel stellen viele Betriebe Paraffinkerzen zwischen die Reihen. Oft sind es mehrere Hundert je Hektar. Sie erwärmen in kalten Nächten die Luft um wenige, aber entscheidende Grad.
Nach dem Frost kommt der Hagel. Er trifft gezielter, und manchmal grausam genau: Ein einzelnes Gewitter kann im Juni über ein Dorf ziehen und die Ernte binnen Minuten zerschlagen, während zwei Kilometer weiter kein einziger Tropfen fällt. Wer das einmal erlebt hat, versteht sofort, warum heute fast jede Domaine eine Hagelversicherung abschließt. Vor dreißig Jahren gab es die kaum.
Wie sehr sich das Klima verschoben hat, zeigt eine einzigartige Reihe von Aufzeichnungen aus Beaune: Historiker fanden dort Lesedaten, die bis ins Jahr 1354 zurückreichen, und werteten sie über sechshundert Jahre hinweg aus. Die Ernte begann im Schnitt Ende September, mit erstaunlich wenig Schwankung von Generation zu Generation. Seit 1988 hat sich das drastisch verschoben. Der Durchschnitt liegt inzwischen Anfang September. 2020 begann die Lese in einigen Lagen schon Mitte August. Was früher die Ausnahme eines ganzen Jahrhunderts war, ist heute beinahe Routine.
Winzer reagieren, indem sie umdenken, wo früher ein einziges Rezept genügte. Manche lassen inzwischen mehr Laub stehen, um die Trauben vor direkter Sonne zu schützen, andere pflanzen in höheren, kühleren Parzellen der Hautes-Côtes, die noch vor wenigen Jahrzehnten als zu unsicher für guten Wein galten. Was einmal Nebenlage war, wird zur Zukunftsreserve.