
INAO & Clavelin
Gläser
Bevor überhaupt ein Tropfen ins Glas kommt, entscheidet im Jura schon die Flasche mit. Der Vin Jaune wird ausschließlich im Clavelin abgefüllt, einer bauchigen 62-Zentiliter-Flasche, die Glasmacher bei Dole im achtzehnten Jahrhundert für die Familie Clavelin entwarfen. Ihre Form ist kein Zufall. Von einem Liter Wein, der sechs Jahre und drei Monate ohne Auffüllen im Fass reift, verdunsten rund 38 Prozent. Übrig bleiben genau 62 Zentiliter, der Anteil der Engel.
Getrunken wird der Vin Jaune trotzdem aus einem ganz gewöhnlichen Glas, dem sogenannten Verre INAO, einer schmalen Tulpe mit rund 210 Millilitern Fassungsvermögen. Ihre enge Öffnung, kaum 46 Millimeter breit, hält die schweren, komplexen Düfte des Weins im Glas gefangen, statt sie sofort verfliegen zu lassen. Genau das braucht ein Wein, dessen Aromastoff Sotolon Noten von Walnuss und Curry nur langsam freigibt.
Beim Poulsard gilt eine andere Regel. Hier soll das Glas möglichst wenig tun. Seine helle, fast durchscheinende Farbe, das berühmte oeil de perdrix, verlangt nach klarem, farblosem Kristall ohne Schliff, sonst verliert der Wein genau das, was ihn ausmacht, bevor man überhaupt daran gerochen hat.
Und weil ein Vin Jaune so viel erzählt, braucht er wenig Menge. Ein kleiner Schluck genügt. Damit verbringst du Minuten mit demselben Duft, während er sich im Glas verändert. Wer randvoll einschenkt, wie es bei einem einfachen Landwein niemand stört, nimmt dem Vin Jaune etwas weg: genau den Raum, in dem all das passiert.