
Kühler als gedacht
Gläser
Ein Glas entscheidet mit, wie viel von Niellucciu und Sciaccarellu tatsächlich im Mund ankommt. Auf Korsika kommt noch ein dritter Faktor dazu, den viele andere Weinregionen so nicht kennen: die Wärme selbst, die im Sommer schnell ins Glas kriecht.
Für Niellucciu, mit seiner hohen Säure und seinem kräftigen Tannin, passt ein Kelch mit mittelgroßem, leicht konischem Bauch. Er ähnelt damit seinem toskanischen Verwandten, nur mit etwas engerer Öffnung. Sciaccarellu-lastige Weine aus Ajaccio bringen zusätzlich Pfeffer und Frucht mit, die man nicht zu schnell verfliegen lassen will, denn ein zu weites Glas verstärkt genau diese Schärfe, statt sie einzufangen.
Temperatur ist auf der Insel der Punkt, an dem die meisten Fehler passieren. Die Umgebung ist selbst im Frühling schon mediterran warm. Ein Niellucciu aus Patrimonio will sechzehn bis achtzehn Grad, kein Zimmer mit siebenundzwanzig — auf der Terrasse an einem Augustabend reicht das Glas sonst in zwanzig Minuten schon zu warm für seine Frucht. Rosé, der über die Hälfte der korsischen Produktion ausmacht, gehört noch kühler ins Glas, acht bis zehn Grad. Ein schlankerer, kleinerer Kelch bündelt seine Frische, statt sie zu verteilen.
Vermentinu braucht ein enges, hohes Glas mit wenig Bauch. Seine floralen Noten nach Weißdorn und Ginster sind flüchtig. Ein weites Glas lässt sie verpuffen, bevor sie überhaupt die Nase erreichen. Kühl serviert, um die zehn Grad, hält er seine Frische am längsten.
Für Muscat du Cap Corse reicht ein kleines Glas mit vielleicht sechzig Millilitern. Er ist ein Wein zum Abschluss eines Essens, nicht zum Trinken in großen Zügen. Ein normal großer Weißweinkelch würde die konzentrierte Süße nur unangenehm betonen, statt sie zu tragen.