
Nord und Süd
Gläser
Ein Glas für Syrah aus dem Norden braucht vor allem eines: eine Öffnung, die sich nach oben verengt. Der Duft von schwarzem Pfeffer und Veilchen ist flüchtig. Ein zu weites Glas lässt ihn einfach über den Rand entweichen, bevor die Nase ihn fängt, und genau deshalb hält ein hoher, schlanker Kelch mit engem Ausgang ihn stattdessen zusammen und schickt ihn konzentriert nach oben.
Weiter südlich braucht es fast das Gegenteil. Châteauneuf-du-Pape und seine Nachbarn liegen oft zwischen dreizehneinhalb und fünfzehneinhalb Prozent Alkohol. Dazu kommen viel Grenache-Frucht und wenig Säure. Ein zu enges Glas macht solche Weine schwer und alkoholisch in der Nase. Eine weite, bauchige Form wie beim Burgunderglas gibt ihnen dagegen Luft. Sie verteilt den Alkohol über eine grössere Fläche, sodass die Kirsch- und Kräuternoten nach vorn treten.
Bei der Temperatur trennen sich die beiden Enden des Tals ebenfalls. Ein junger Côte-Rôtie schmeckt am besten bei sechzehn, siebzehn Grad. Wärmer wirkt sein Tannin schnell rau, und der Pfeffer verbrennt fast auf der Zunge. Ein gereifter Châteauneuf-du-Pape verträgt ein, zwei Grad mehr — seine Wärme aus dem Süden ist Teil seines Charakters und sollte nicht wegorganisiert werden.
Eine Frage verbindet beide Enden trotzdem: die Karaffe. Ein junger Syrah aus dem Norden profitiert von einer Stunde Luft, weil seine Aromen anfangs verschlossen wirken. Ein alter Châteauneuf-du-Pape mit Bodensatz braucht sie aus einem anderen Grund: Er muss vom Depot getrennt werden, sonst landet der Satz im Glas. Zuletzt gilt, was überall im Rhônetal gilt: Eingeschenkt wird bis zur breitesten Stelle des Kelchs, nie höher, damit über dem Wein Platz für seinen Duft bleibt.