
Süß und trocken
Gläser
Kaum eine französische Region braucht so viele verschiedene Gläser wie das Roussillon, weil kaum eine andere Region so viele verschiedene Weinstile aus denselben Trauben macht. Ein junger, trockener Côtes du Roussillon mit vierzehn oder fünfzehn Volumenprozent Alkohol und viel Tannin braucht ein großes, bauchiges Glas. Es gibt dem Alkohol Raum zum Verdunsten und lenkt ihn von der Zungenspitze weg, wo er sonst brennt.
Ein Banyuls Rimage, der jüngste, fruchtigste Stil, wird dagegen fast wie ein normaler Rotwein getrunken: gekühlt auf vierzehn bis sechzehn Grad, in einem mittelgroßen Glas, das die Sauerkirsch- und Brombeeraromen hochhält, bevor die Süße sie erschlägt.
Ganz anders der gereifte Rancio. Diese Weine haben absichtlich Sauerstoff getrunken, Jahre in halbvollen Fässern oder Glasballons in der Sonne. Sie riechen nach Walnuss, Kaffee, getrockneter Feige statt nach Frucht. Für sie reicht ein kleines Glas, kaum größer als ein Sherryglas, oft bei Zimmertemperatur serviert. Kühle würde die feinen, oxidativen Noten nur zudecken. Man trinkt davon auch weniger. Drei, vier Zentiliter genügen, weil sechzehn bis achtzehn Volumenprozent Alkohol und Zucker zugleich schnell müde machen.
Den Muscat de Rivesaltes, den süßen Aperitif aus zwei Muskatsorten, schenkt man dagegen wieder kalt ein, um die zehn Grad. Ein kleines, enges Glas bündelt dabei den intensiven Traubenduft, statt ihn im weiten Bauch zu verlieren. Vier Weine, vier Gläser. Wer hier zur Karaffe für alle greift, verschenkt die halbe Arbeit des Winzers.