
Weite statt Enge
Gläser
Traditionell trinkt man Wein hier aus einem Kantsi, einem ausgehöhlten Büffel- oder Widderhorn, das man nicht abstellen kann, bevor es leer ist — praktisch für einen Trinkspruch bei der georgischen Tafelrunde, ungeeignet aber, um einen Wein wirklich zu riechen. Für Tsitska, Tsolikouri und Krakhuna aus dem Churi braucht es dafür ein anderes Gefäß.
Der Grund ist die Mazeration — die Zeit, die der Most auf der Schale verbringt, bevor man ihn abpresst. Sie gibt diesen Weißweinen etwas, das gewöhnliche Weißweine nicht haben. Ein wenig Tannin etwa, den rauen Belag im Mund, den man sonst nur von Rotwein kennt. Ein enges, kleines Glas sperrt davon zu viel ein und drückt vor allem die Säure nach vorn. Besser passt ein Glas mit weitem, rundem Bauch, wie man es sonst für kräftigen weißen Burgunder nimmt. Der Raum darüber lässt die schwereren Duftstoffe aufsteigen, ohne die Frische zu ersticken.
Bei der Temperatur liegt Bernsteinwein zwischen Weiß und Rot. Er gehört zu keinem von beiden ganz. Zwölf bis fünfzehn Grad sind richtig. Das ist kühler, als ein kräftiger Rotwein braucht, aber deutlich wärmer, als die meisten Weißweine aus dem Kühlschrank bekommen. Sonst verschwinden Aromen wie getrocknete Aprikose und Kamille komplett hinter der Kälte.
Für den seltenen roten Otskhanuri Sapere aus Obcha gilt das nicht. Der bekommt ein normales, engeres Rotweinglas. Seine Tannine sind ohnehin schon kräftig genug und brauchen keine zusätzliche Weite. Nur bei den bernsteinfarbenen Weißen aus Tsitska, Tsolikouri und Krakhuna macht die Form den Unterschied zwischen einem Wein, der nach nichts schmeckt, und einem, der nach Kamille, Quitte und trockenem Heu duftet.