
Schotter & Kalkmergel
Böden
Grab in einem Weinberg nahe der Alazani ein Loch. Nach dreißig Zentimetern wechselt die Farbe von dunkelbraun zu graubraun. Zwischen den Fingern knirschen plötzlich runde Kiesel. Das ist Geröll, das der Fluss und sein Nebenfluss Duruji über Jahrtausende aus dem Kaukasus heruntergetragen haben, immer wieder umgelagert, bis jede scharfe Kante rund geschliffen war.
Darüber liegt eine dünne Schicht aus Lehm und Löss, angereichert mit dem Laub und den Rebschnitten vieler Jahrhunderte Weinbau. Sie hält im Frühling Wasser fest. Im Hochsommer trocknet sie rasch aus, sodass die Wurzeln früh in die Tiefe wandern müssen, wenn sie nicht verdursten wollen.
Was sie dort finden, ist erst einmal wenig einladend: nackter, wasserdurchlässiger Kies, der Wärme speichert und tagsüber wie eine Fußbodenheizung von unten wirkt. Für die Reife der Trauben ist das ein Gewinn. Für die Wurzel ist es eine Strapaze, sie muss sich zwischen den Steinen hindurchzwängen und findet dort kaum Nährstoffe.
Erst tiefer, oft erst jenseits eines Meters, kommt fester Kalkmergel, wie er in den Hügeln um Kvareli offen zutage tritt. Heller, dichter Stein, der Wasser über Wochen speichert und den Reben in trockenen Sommern einen Vorrat sichert. Auf diesem Mergel wachsen die Saperavi-Trauben für Kindzmarauli. Ihre steinigeren, kargeren Böden sorgen für mehr Mineralik und mehr Säure als anderswo in Kachetien.
Ein Irrglaube hält sich hartnäckig: dass die Rebe Mineralien aus dem Kalkstein sauge und der Wein deshalb mineralisch schmecke. Das stimmt so nicht. Was tatsächlich wirkt, ist der Umweg über Wasser und Wärme, den trockene, steinige Böden wie in Kvareli erzwingen, indem sie die Wurzel tief hinunterdrängen und dabei kleinere, konzentriertere Beeren entstehen lassen. Der Boden entscheidet nicht direkt über den Geschmack. Er entscheidet darüber, wie hart die Rebe arbeiten muss.
Dunkler, mit Löss vermischter Lehm, angereichert mit Laub und Rebschnitten. Hält Frühjahrsregen fest und trocknet im Hochsommer rasch aus.
Die Wurzel: Hier liegen die Feinwurzeln. Sie holen im Frühling den letzten Regen — und stehen im Juli schon auf dem Trockenen.