
Horn und Glas
Gläser
Wer beim großen georgischen Festmahl, der Supra, mit einem Khantsi anstößt, muss das Trinkhorn in einem Zug leeren, bevor er es absetzen darf. Zum echten Verkosten taugt es trotzdem nicht. Es hat weder Standfläche noch Öffnung zum Schwenken. Für Kachetiens Weine braucht es ein zweites, stilleres Gefäß.
Bernsteinweine aus Rkatsiteli, Mtsvane oder Kisi verbringen Monate auf der Maische. Sie bringen Tannin mit, das man sonst nur von Rotwein kennt. Ein zu enges Weißweinglas sperrt diese Struktur ein und lässt den Wein flach wirken. Besser passt ein bauchiges Glas mit weiter Öffnung, ähnlich einem Rotweinkelch, das dem Wein Luft zum Atmen lässt und die dichten Aromen nach Quitte, getrockneter Aprikose und Walnuss erst richtig freigibt.
Bei der Temperatur liegt Bernsteinwein zwischen Weiß und Rot. Zwölf bis vierzehn Grad sind ein guter Richtwert, kälter als ein Rotwein, aber deutlich wärmer als ein knackiger Rkatsiteli aus dem Edelstahltank. Zu kalt serviert, verschwinden gerade die Aromen, die den Qvevri-Ausbau überhaupt lohnend machen.
Saperavi verlangt umgekehrt ein großes, hohes Glas, wie man es für kräftige Bordeaux-Verschnitte nimmt. Die Säure ist hoch, das Tannin ebenso. Ein enges Glas würde beides nach vorne drängen, statt es zusammenzuhalten. Sechzehn bis achtzehn Grad reichen für einen jungen Wein, ein zehn Jahre alter Mukuzani darf ruhig eine Handbreit wärmer sein.
Ein junger Saperavi verträgt Luft gut. Er profitiert von einer halben Stunde in der Karaffe, bevor er ins Glas kommt. Die alten Flaschen aus Tsinandali, manche seit über hundert Jahren im Keller, bekommt kaum ein Gast je zu sehen, aber sie zeigen, dass ein Wein aus Kachetien, richtig gelagert, Jahrzehnte trägt, weit über das hinaus, was das Horn am Esstisch je verlangt hätte.