
An einem Bernsteinwein
Verkosten
Ein Glas Bernsteinwein aus Rkatsiteli verrät seine Reise ins Qvevri schon in der Farbe. Halt es gegen das Licht. Die Farbe reicht von hellem Bernstein bis zu dunklem Kupfer, je nachdem, wie lange die Maische im Qvevri stand — ein gewöhnlicher Weißwein bleibt blass, ein sechs Monate mazerierter Kisi sieht fast aus wie ein leichter Rotwein. Bei Saperavi ist die Farbe noch extremer. Weil das Fruchtfleisch selbst dunkel ist, füllt sich das Glas bis zum Rand mit einem fast schwarzen Violett, durch das kaum Licht dringt.
Riech zweimal, einmal im ruhigen Glas und einmal nach dem Schwenken. Bei einem Kisi kommt zuerst reife Birne und ein Hauch Ringelblume. Danach folgt Walnuss und ein Anflug von Tabak, den erst der Kontakt mit Luft freisetzt. Bei Saperavi liegt unter der dunklen Frucht oft ein Geruch nach getrockneten Kräutern und schwarzem Pfeffer, manchmal auch ein Hauch Tinte, passend zum Namen, der Farbstoff bedeutet.
Im Mund merkt man bei beiden Stilen dieselbe Kachetien-Handschrift: viel Säure, viel Tannin, wenig Kompromiss. Beim Bernsteinwein kommt das Tannin von der langen Maischezeit. Bei Saperavi kommt es zusätzlich aus der dunklen Schale und dem gefärbten Fruchtfleisch. Ein junger Wein kann im ersten Moment fast streng wirken, fast wie ein kräftiger Tee, bevor sich nach ein paar Minuten im Glas die Frucht darunter zeigt.
Wer denselben Rebsaft süßer erlebt, probiert Kindzmarauli aus Kvareli. Die Gärung wird hier gestoppt, bevor aller Zucker vergoren ist, ganz ohne Zusatz von außen. Übrig bleiben drei bis fünf Prozent Restzucker bei gerade einmal dreizehn Volumenprozent Alkohol. Die Säure bleibt trotzdem hoch genug, dass der Wein nie klebrig schmeckt, nur rund.
Am Ende zähl den Abgang. Bei einem einfachen Rkatsiteli sind es vielleicht fünf Sekunden. Bei einem gut gereiften Mukuzani sind es deutlich mehr als zwanzig, denn Tannin, Säure und die Zeit im Fass ergeben zusammen eine Länge, die sich einem Wein nicht nachträglich einimpfen lässt.