Verkosten in der Region Naoussa

Tomate, Olive, Tannin

Verkosten

Halte ein Glas Naoussa schräg gegen etwas Weißes und schau auf den Rand. Ein junger Wein zeigt dort ein sattes, eher helles Rubin, fast durchscheinend im Vergleich zu einem Cabernet. Das ist kein Mangel, sondern die Folge der dünnen, pigmentarmen Schale von Xinomavro. Nach fünf, sechs Jahren kippt derselbe Rand schon ins Ziegelrote, während die Mitte noch dunkel bleibt.

Der Geruch überrascht fast jeden beim ersten Mal. Die offizielle Beschreibung der Zone nennt als typischsten Charakter Tomatenmark und schwarze Olive. Zwei Aromen, die man in kaum einem anderen Rotwein der Welt in dieser Deutlichkeit findet. Erst danach kommen rote Früchte und Gewürze, und mit ein paar Jahren Reife gesellen sich getrocknete Pflaume, Rauch und trockene Nüsse dazu. Wer diese Kombination einmal blind erkannt hat, vergisst sie nicht wieder.

Im Mund lohnt es sich, Säure und Tannin bewusst getrennt zu prüfen. Die Säure spürst du seitlich an der Zunge, sie lässt sofort Speichel fließen. Bei Xinomavro ist das besonders stark, weil die Sorte doppelt so viel Weinsäure bildet wie die meisten anderen Rebsorten. Das Tannin dagegen liegt als trockenes Gefühl auf Zahnfleisch und Gaumen. Junge Weine aus Naoussa zeigen beides in roher Form, oft kantig und ungeduldig; erst mit Flaschenreife verschmelzen Säure und Tannin zu etwas, das trägt statt anzugreifen.

Die Balance zwischen beidem entscheidet über die Qualität mehr als die reine Kraft. Ein Xinomavro ohne genug Frucht im Rücken wirkt schnell hart und mager, einer mit zu viel Reife dagegen stumpf und ohne Kontur. Die besten Weine aus Giannakochori oder von den alten Stöcken der Ramnista-Lage halten dieses Gleichgewicht über Jahrzehnte hinweg, oft über ein ganzes Winzerleben, weit über die ersten Jahre nach der Ernte hinaus.

Am Ende zähl den Abgang. Bei einem einfachen Naoussa hält der Geschmack fünf, sechs Sekunden nach dem Schlucken, bei einem großen Réserve zwanzig und mehr. Diese Länge lässt sich im Keller nicht herstellen. Sie kommt allein aus Frucht, Säure und Tannin, die gemeinsam weitergetragen werden, lange nachdem der Wein selbst schon verschwunden ist.

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