
Granatrot und Pflaume
Verkosten
Gegen das Licht gehalten, verrät ein Glas Nemea sein Alter, bevor man überhaupt einen Schluck genommen hat. Junger Agiorgitiko leuchtet dort tiefrot mit einem violetten, fast blauen Schimmer am Rand — ein Farbton, den kaum eine andere griechische Rotweinsorte erreicht. Nach acht, zehn Jahren im Keller wandert dieser Rand langsam Richtung Ziegelrot.
Riech zweimal hinein. Im ruhigen Glas kommt zuerst die Frucht: reife Pflaume, Sauerkirsche, bei jüngeren, leichteren Abfüllungen manchmal ein Hauch Erdbeere. Erst nach dem Schwenken steigen die schwereren Duftmoleküle auf — Veilchen, getrockneter Tabak, bei holzgereiften Weinen dazu Nelke und eine Ahnung Vanille.
Im Mund fällt zuerst auf, wie rund das Tannin wirkt. Der raue Griff am Zahnfleisch, den Rotwein von der Schale mitbringt, sitzt hier selten kantig. Er wirkt eher samtig, fast schon weich für einen so dunklen Wein. Die Säure hält dagegen und sorgt dafür, dass der Wein trotz seiner Fülle nicht müde schmeckt. Das gilt vor allem für Trauben von den höheren Lagen um Asprokambos.
Zähl am Ende mit. Wie viele Sekunden bleibt der Geschmack, nachdem der Wein geschluckt ist? Bei einem einfachen Nemea sind es drei, vier — bei einer Reserve aus Koutsi zwanzig oder mehr. Diese Länge lässt sich im Keller kaum fälschen: Alkohol und Holz kann ein Winzer zusetzen, echte Länge nicht.
Wer einmal einen jungen, kühl servierten Agiorgitiko neben eine zehn Jahre alte Reserve aus demselben Dorf stellt, versteht plötzlich, warum die Sorte in Nemea so viele Anhänger hat. Zwischen beiden liegt derselbe Wein, nur eine andere Antwort auf dieselbe Frage: wie lange man warten will.