
Am Cerasuolo entlang
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Halt ein Glas Cerasuolo schräg gegen etwas Weißes. Die Farbe ist kein blasses Rosa, sondern ein sattes, fast durchsichtiges Kirschrot — daher der Name, vom lateinischen cerasum für Kirsche. Er steht dem Rotwein näher als die meisten Rosés, obwohl er nach nur wenigen Stunden Maischekontakt entsteht.
Riech zweimal hin, einmal ruhig, einmal nach dem Schwenken. Im ruhigen Glas kommen zuerst Sauerkirsche und Erdbeere hoch, leichte Moleküle, die zuerst verdunsten. Nach dem Schwenken folgen blumige Töne, manchmal ein Hauch Kräuter oder weißer Pfeffer, Aromen, die schwerer sind und länger brauchen, um aufzusteigen.
Im Mund überrascht die Spannung. Cerasuolo hat mehr Säure als die meisten Roséweine. Dazu kommt ein leichtes, aber spürbares Tannin, den rauen Belag am Zahnfleisch, den man sonst eher bei Rotwein erwartet. Das kommt daher, dass er aus derselben dickschaligen Montepulciano-Traube stammt wie der große Rotwein der Region, nur mit viel kürzerem Kontakt zur Schale.
Probier danach einen jungen Montepulciano daneben. Die Farbe ist fast schwarz, das Tannin deutlich fester, und im Duft dominieren Brombeere, Pflaume und ein Hauch Lakritz statt der hellen Kirsche. Zwischen beiden Weinen liegt nur die Zeit auf der Schale — ein einziger Unterschied im Keller, und trotzdem zwei komplett verschiedene Weine im Glas.
Zähl am Ende, wie lange der Geschmack bleibt, nachdem du geschluckt hast. Bei einem einfachen Cerasuolo sind das drei, vier Sekunden. Bei einem gereiften Montepulciano aus den Colline Teramane zählt man leicht bis zwanzig oder länger, und genau diese Länge unterscheidet einen ambitionierten Wein von einem bloß angenehmen Sommerglas.