
An einem Primitivo
Verkosten
Nimm ein Glas Primitivo und halte es gegen das Licht. Die Farbe ist fast undurchsichtig, ein dichtes Purpur bis fast Schwarz, das erst am äußersten Rand etwas heller wird. Schon das verrät die kleinen, dickschaligen Beeren. Aus ihnen kommt der Wein, gereift in der kräftigen Sonne Apuliens.
Riechen kommt als Nächstes, am besten zweimal – einmal ruhig, einmal nach dem Schwenken. In der Nase kommen zuerst dunkle, süße Früchte: Brombeere, reife Kirsche, oft ein Hauch getrocknete Feige. Nach dem Schwenken folgt mehr Tiefe, Lakritz, manchmal ein Hauch Kakao oder schwarzer Pfeffer, Aromen, die typisch für die Reife und die Wärme des Jahrgangs sind.
Im Mund fällt das Tannin selten als Problem auf. Primitivo reift oft schon so weich, dass man den samtigen Griff kaum als Tannin erkennt. Ganz anders bleibt ein junger Nero di Troia, fest und kantig. Was stattdessen auffällt, ist die Wärme: Bei über dreizehneinhalb Volumenprozent Alkohol spürt man ein leichtes Brennen im Rachen, das mit der Fruchtsüße mithalten muss, sonst wirkt der Wein unausgewogen.
Negroamaro schmeckt anders, und der Unterschied lohnt den Vergleich im selben Abend. Wo Primitivo rund und süß wirkt, bringt Negroamaro mehr Säure mit. Dazu kommt ein bitterer, fast erdiger Ton im Abgang, der zu seinem Namen passt. Beide Trauben wachsen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt, und trotzdem könnten die Weine kaum unterschiedlicher schmecken.
Am Ende lohnt ein dritter Schluck: ein Primitivo di Manduria Dolce Naturale, kein trockener Wein mehr, sondern süß mit hohem, natürlichem Alkohol aus angetrockneten Trauben. Zwischen diesen drei Gläsern liegt die ganze Spannweite der Region – herb, rund und süß, alle aus derselben Erde.