
Weiß, Amber, Rot
Gläser
Ein normales Weißweinglas passt nicht zu jedem Wein aus dieser Region, und das liegt an den Schalen. Friulano ist ein klassischer Fall: schlank, mit feinem Blütenduft. Ein zu enges Glas sperrt diesen Duft ein, ein zu weites lässt ihn verpuffen. Ein mittelgroßer Kelch mit leicht geschlossener Öffnung bündelt genug, um am Ende auch die bittere Mandelnote im Abgang wahrzunehmen, die sonst einfach verschwindet. Ohne sie schmeckt man nur Zitrone.
Bei Orange Wine aus Ribolla Gialla gilt die entgegengesetzte Regel. Wochenlange Maischestandzeit bringt Gerbstoff und Oxidationsnoten in den Wein, ähnlich wie bei einem Rotwein, und genau wie bei einem Rotwein braucht er ein bauchigeres Glas mit mehr Luft im Kelch. Ein enges Glas presst die phenolischen Noten zusammen. Es lässt den Wein hart wirken. Ein weiterer Bauch gibt ihm dagegen Zeit, seine getrocknete Aprikose und den Teegeschmack zu entfalten.
Bei der Temperatur trennen sich beide Welten noch einmal. Friulano und Ribolla Gialla in klassischer Ausbauform gehören bei zehn bis zwölf Grad ins Glas, kühl genug, um die Säure frisch zu halten. Orange Wine dagegen verträgt zwei bis drei Grad mehr. Bei zu kalter Temperatur verschwinden sonst gerade die komplexen Töne nach Nüssen und Honig, die seinen Reiz ausmachen.
Für Refosco und Schioppettino braucht es wieder ein anderes Format: einen großzügigen Rotweinkelch mit weiter Öffnung, der die kräftige Säure abrundet und dem straffen Tannin Raum zum Atmen gibt. Serviert bei sechzehn bis siebzehn Grad. Sonst wirkt ein junger Refosco schnell kantig und sauer statt saftig.
Und dann ist da Picolit, der teuerste Wein der Region. Er kommt traditionell in winzigen Gläsern auf den Tisch, kaum größer als ein Fingerhut, weil ein Hektar oft nur ein paar hundert Flaschen liefert. Am Ende zählt dabei jeder einzelne Schluck. Wer ihn in einem großen Glas serviert, verschenkt Aroma. Er verschenkt auch das Bewusstsein dafür, wie selten das ist, was gerade im Glas steht.