
Form für Gaglioppo
Gläser
Auch ein Glas ist ein Werkzeug, kein bloßes Trinkgefäß. Bei Gaglioppo zeigt sich das besonders deutlich, denn die Farbe im Glas ist hell für einen Rotwein, fast durchscheinend am Rand, während der Mund es mit kräftigem Tannin und viel Säure zu tun bekommt. Ein Gegensatz, den die Form des Glases ausgleichen muss.
Ein bauchiges Glas mit weitem Kelch gibt dem Wein Fläche, an der Luft ihn abmildern kann, bevor er die Zunge erreicht. Läuft die Öffnung dann wieder enger zusammen, sammelt sich der Duft, statt sofort zu entweichen. Bei Gaglioppo braucht es genau das. Seine feinen Noten nach Kirsche, Granatapfel und Veilchen gehen sonst neben dem kräftigen Tannin unter. Ein zu schmales, gerades Glas presst stattdessen nur die Säure nach vorn und lässt den Wein streng wirken.
Bei der Temperatur zählt in Kalabrien ein Faktor mehr als anderswo: die Hitze selbst. Zwischen Mai und September liegen Innenräume an der ionischen Küste oft weit über zwanzig Grad. Ein Rotwein wird oft bei Zimmertemperatur serviert. Dann kommt er hier schnell auf über zwanzig Grad im Glas. Sechzehn bis achtzehn Grad sind für Gaglioppo richtig. Das ist kühler, als man in einem heißen Sommer erwartet, doch sonst verliert der Wein seine Frische, und das Tannin wirkt bitter statt fest.
Beim Passito ändert sich alles. Greco di Bianco, süß und konzentriert durch das Antrocknen der Trauben, gehört in ein kleines Glas, das nur wenige Zentiliter fasst. Zu viel Fläche würde die Süße breittreten und den Alkohol, der beim Trocknen mit aufkonzentriert wird, zu stark in den Vordergrund rücken. Ein kleiner, tulpenförmiger Kelch dagegen bündelt Aprikose, Honig und die feine Bitterkeit, die einen guten Passito am Ende trägt.
Zuletzt die Menge, die für beide Weine gilt. Ein Glas Gaglioppo wird bis zur breitesten Stelle gefüllt, ein Glas Passito nur zu einem Drittel. Mehr braucht es bei so viel Konzentration nicht, und der freie Raum darüber ist kein verschwendeter Platz. Dort sammelt sich, was den Wein am Ende ausmacht, und wer randvoll einschenkt, schenkt sich selbst diesen Teil nur weg.