
An einem Taurasi
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Gieß einen Taurasi ins Glas und halte es gegen das Licht. Jung ist er fast undurchsichtig, ein dichtes Granatrot mit violettem Rand; erst nach zehn, fünfzehn Jahren wandert der Rand ins Ziegelrote. Die Mitte bleibt oft noch dunkel. Diese Tiefe unterscheidet Aglianico von vielen anderen italienischen Rotweinen, die schon jung heller wirken.
Rieche zuerst ohne zu schwenken, dann noch einmal danach; der Unterschied ist erheblich. Im ruhigen Glas kommt dunkle Kirsche und Pflaume, manchmal etwas Lakritz. Nach dem Schwenken folgt, was schwerer ist: Leder, getrocknete Kräuter, ein Hauch Tabak, bei älteren Jahrgängen auch etwas Balsamisches. Das erinnert an Trüffel. Die grüne Tomatennote, die man von toskanischem Sangiovese kennt, fehlt hier vollständig, denn Aglianico riecht dunkler und weniger nach Frucht, mehr nach Erde.
Im Mund merkst du zwei Dinge fast gleichzeitig, und beide sind kräftig. Die Säure läuft seitlich über die Zunge und lässt Speichel fließen; das Tannin liegt als trockener, fast staubiger Belag auf Zahnfleisch und Gaumen. Zusammen wirken sie wie eine Klammer, die den Wein zusammenhält, auch wenn er zwanzig Jahre im Keller verbringt.
Am Ende zähl mit, wie lange der Geschmack bleibt, nachdem du geschluckt hast. Bei einem guten Taurasi sind zwanzig, dreißig Sekunden keine Seltenheit, und genau diese Länge unterscheidet einen ernsthaften Wein von einem bloß kräftigen. Ein Kellermeister kann Alkohol zusetzen und Holz einsetzen. Länge kann er nicht erzwingen.
Stell daneben zum Vergleich ein Glas Greco di Tufo, und der Unterschied wird sofort greifbar: helle Strohfarbe statt Granat, Zitrus statt Kirsche. Eine schlanke Säure ersetzt das Tannin komplett. Zwei Weine aus derselben Provinz Avellino, keine fünfzehn Kilometer Luftlinie auseinander gewachsen, und trotzdem könnten sie kaum verschiedener schmecken.