
Macigno & Flysch
Böden
Grab in einem Weinberg über Manarola ein Loch. Schnell stößt du auf harten, grauen Sandstein: Macigno, entstanden vor Jahrmillionen aus Sand und Schlamm, die Flüsse am Grund eines Urmeeres ablagerten. Der Druck darüber presste alles zu Gestein, das heute in dicken Bänken liegt. Ohne dieses Gestein gäbe es die Cinque Terre nicht. Die Bauern brachen es heraus und stapelten es zu den Mauern, auf denen sie wieder pflanzten.
Verwittert bricht Macigno in kantige, lockere Brocken. Wasser läuft rasch hindurch, während die Wurzel kaum Halt findet. Das zwingt die Rebe, tief zu graben. Was sie dabei an Nährstoffen sammelt, ist wenig. Wenig Wasser, wenig Nahrung, viel Stress — genau das ergibt kleine, dickschalige Beeren für den Sciacchetrà.
Im Westen, in Dolceacqua, sieht der Boden völlig anders aus. Dort wechseln sich Mergel und feinkörniger Sandstein in dünnen Schichten ab. Eine solche Wechselfolge heißt Flysch, Winzer nennen sie schlicht sgrutto. Feucht bricht sie fast wie Ton, trocken zerfällt sie zu feinem Sand. Genau dieser Wechsel hält Feuchtigkeit besser als der harte Sandstein der Ostküste.
Näher am Meer, um Ortovero, liegen sogar blaue Mergel voller versteinerter Muschelschalen, Reste eines Meeresbodens von vor rund fünf Millionen Jahren. Rossese-Wurzeln, die hier ankommen, finden mehr Kalk und mehr Wasser als im Sandstein der Cinque Terre — ein Grund, warum derselbe Name Rossese in zwei Landesteilen zwei unterschiedliche Weine ergibt.
An der Küste erzählt man sich gern, das Salz der Gischt wandere über die Wurzel in den Wein. Das stimmt so nicht. Gischt erreicht die obersten Terrassen gar nicht erst — manche liegen hundert Meter über dem Wasser. Die salzige Note in Pigato oder Rossese kommt woanders her — aus wenig Wasser, dünnen Schalen und einer Säure, die auf der Zunge fast wie Salz wirkt, ohne chemisch eines zu sein.
Die Terrassenmauern selbst bestehen fast immer aus demselben Gestein, das darunter ansteht — Macigno im Osten, Flysch im Westen. Wer die Mauer anschaut, sieht also schon, bevor er das erste Glas trinkt, aus welchem Boden der Wein dahinter stammt.
Dünne dunkle Auflage aus verrottetem Laub und Wurzelresten, auf den Terrassen der Cinque Terre selten mehr als eine Handbreit dick.
Die Wurzel: Hier liegen die Feinwurzeln. Sie holen, was der Regen gerade bringt — und sind nach wenigen trockenen Tagen die ersten, die leer ausgehen.