
Salz und Pfeffer
Verkosten
Gieß dir ein Glas Pigato ein und halte es gegen das Licht: strohgelb, manchmal mit einem Hauch Gold, nie ganz farblos. In der Nase kommt zuerst reife gelbe Frucht. Etwas erinnert an Mandeln. Dahinter liegen ligurische Kräuter — Salbei, Thymian, alles, was auf den trockenen Hängen der Riviera wächst, und das hängt in der Luft, bevor es überhaupt in den Wein kommt.
Im Mund folgt sofort das, was Pigato von fast jedem anderen Weißwein unterscheidet: eine salzige Note am Gaumen. Die hat nichts mit echtem Salz zu tun, sondern entsteht aus der Kombination von Säure und wenig Restzucker. Manche Verkoster nennen das sapidità, salzig-würzig, ein Wort, das im Deutschen kein genaues Gegenstück hat. Vermentino daneben schmeckt heller und zitrusbetonter, mit weniger von dieser mineralisch-salzigen Kante.
Halte einen Rossese di Dolceacqua gegen etwas Weißes. Du siehst helles Rubinrot, fast durchscheinend, das mit ein paar Jahren ins Ziegelrote wandert. In der Nase kommt zuerst Erdbeere. Dann Granatapfel, dann Veilchen. Bei genauem Hinriechen kommt weißer Pfeffer dazu — ein scharfes, fast prickelndes Detail, das keine andere ligurische Traube so deutlich zeigt.
Im Mund ist die Säure hoch und macht sofort Speichel fließen, während das Tannin kaum zu spüren ist. Rossese ist ein Rotwein, den man fast wie einen kräftigen Weißwein trinken kann. Dazu kommt wieder diese salzige, fast maritime Note, die in fast jedem ligurischen Wein auftaucht, egal ob rot oder weiß, als hätte das nahe Meer beim Reifen mitgeholfen.
Am Ende zähl mit, wie lange der Geschmack bleibt, nachdem du geschluckt hast. Bei einem einfachen Pigato sind das drei, vier Sekunden, während ein guter Rossese aus einer steilen Lage über Dolceacqua oft doppelt so lange durchhält. Genau diese Länge unterscheidet einen Terrassenwein von einem, der irgendwo im flachen Tal gewachsen ist.