
Tulpe, nicht Flöte
Gläser
Zwei Weinstile, zwei Gläser, die kaum unterschiedlicher sein könnten — fang mit dem Franciacorta an. Das eigene Konsortium empfiehlt seit einigen Jahren ausdrücklich kein schmales Flötenglas mehr, sondern einen bauchigeren, tulpenförmigen Kelch.
Der Grund liegt in der Reife. Ein Franciacorta liegt mindestens achtzehn Monate auf der Hefe, oft deutlich länger, und entwickelt dabei Röst- und Brotaromen, für die eine enge Flöte kaum Platz lässt. Die weitere Tulpenform gibt ihnen Raum, ohne die Perlage — die aufsteigenden Bläschen — völlig verpuffen zu lassen.
Für die Chiavennasca aus dem Veltlin gilt fast das Gegenteil: Sie braucht einen größeren, leicht konisch zulaufenden Rotweinkelch, ähnlich dem für Nebbiolo aus dem Piemont. Hohe Säure und feines, aber reichliches Tannin vertragen viel Luftkontakt. Ein zu enges Glas presst beides eng zusammen und lässt den Wein streng wirken.
Auch bei der Temperatur trennen sich die Wege. Ein Franciacorta gehört gut gekühlt ins Glas, sechs bis acht Grad, sonst wirken die Bläschen grob und die Säure flach. Eine gereifte Sassella dagegen verträgt sechzehn bis achtzehn Grad, deutlich mehr, als der Kühlschrank normalerweise hergibt. Sonst bleiben Kräuter- und Kirschnoten hinter dem Tannin verborgen.
Wer beide Gläser nebeneinanderstellt, sieht sofort den Unterschied: das schlanke, kühle Tulpenglas für die Bläschen vom Iseosee, der breite, wärmere Kelch für den Bergwein aus dem Veltlin. Zwei Formen für zwei vollkommen verschiedene Trinkmomente. Wer sie vertauscht, schmeckt den Unterschied sofort im Glas.