
Säure, Tannin, Bläschen
Gläser
Verdicchio braucht kein großes, bauchiges Glas. Seine feinsten Töne sind grüne Mandel, Zitrusschale und ein leiser Hauch von Jod, der an die nahe Adria erinnert. Das sind zarte, flüchtige Aromen, die in einem weiten Kelch verfliegen, bevor die Nase sie überhaupt fasst. Besser passt ein schlankes, leicht konisches Glas, dessen Öffnung enger bleibt als sein Bauch. Es sammelt, was aufsteigt, statt es zu verstreuen.
Bei der Temperatur ist die Faustregel einfach. Zehn bis zwölf Grad für den jungen Verdicchio, zwei Grad wärmer für eine Riserva mit ein paar Jahren Flaschenreife. Kälter als das schmeckt nur nach Säure, und genau die soll man bei diesem Wein nicht isoliert erleben, sondern eingebettet in Frucht und Mandel.
Rosso Conero verlangt das Gegenteil. Montepulciano bringt Farbe, Tannin und oft auch Alkohol über dreizehneinhalb Prozent mit, und ein zu enges Glas würde all das wie eine Faust auf die Zunge drücken. Hier braucht es Raum. Ein Kelch mit weiterem Bauch, ähnlich dem für Cabernet oder Syrah, bei sechzehn bis achtzehn Grad serviert, damit sich Tannin und Frucht die Waage halten.
Am ungewöhnlichsten ist das Glas für Vernaccia di Serrapetrona. Der Wein ist rot und schäumt zugleich, was viele Menschen ohne Nachdenken in eine schmale Sektflöte gießen lässt. Das ist falsch, denn die enge Öffnung unterdrückt genau die Fruchtigkeit, wegen der man diesen Wein überhaupt trinkt. Ein etwas weiteres Tulpenglas lässt Kohlensäure und Duft gemeinsam nach oben steigen. Gekühlt auf acht bis zehn Grad, wie bei jedem süßen Schaumwein.
Auch Lacrima di Morro d'Alba bekommt oft das falsche Glas gereicht, ein x-beliebiges Rotweinglas wie für jeden anderen Wein dieser Stärke. Dabei lohnt sich ein kleineres, weiter geöffnetes Glas, das den Rosenduft nicht einsperrt, sondern ihn sofort freigibt, sobald man das Glas nur leicht bewegt. Serviert bei vierzehn bis sechzehn Grad, spürbar kühler als ein kräftiger Rosso Conero, bleibt der Duft klar und der Wein wirkt nie schwer.