
Mandel und Jod
Verkosten
Schräg gegen etwas Weißes gehalten, zeigt ein Verdicchio sein Alter sofort in der Farbe. Jung ist er blassgrün mit einem Hauch Stroh, fast wie unreife Trauben selbst. Nach zehn Jahren im Keller wird aus dem hellen Grün oft tiefes Gold. Das überrascht die meisten, denn kaum ein italienischer Weißwein hält so lange durch, ohne stumpf zu werden.
Rieche zweimal, einmal im ruhigen Glas und einmal nach dem Schwenken. Im ruhigen Glas kommt zuerst Zitrus, oft Grapefruit, manchmal grüner Apfel. Nach dem Schwenken folgt etwas Nussiges — grüne Mandel, so typisch für Verdicchio, dass Kenner die Sorte oft allein daran erkennen. Dazu ein salziger, fast jodiger Ton. Viele bringen ihn mit der nahen Adria in Verbindung, auch wenn niemand genau beweisen kann, warum das so ist.
Im Mund achte auf die Säure. Sie sitzt seitlich an der Zunge, lässt den Speichel fließen und zieht sich oft über Jahre kaum zurück, selbst wenn der Wein längst reif ist. Bei Rosso Conero achte stattdessen auf das Tannin am Zahnfleisch. Es ist spürbar, aber selten hart, weil Montepulciano von Natur aus weichere Gerbstoffe mitbringt als etwa Sangiovese oder Nebbiolo.
Lacrima di Morro d'Alba verwirrt beim allerersten Mal fast jeden, der sie probiert. In der Nase duftet sie süß nach Rosen und dunklen Beeren, geradezu einladend leicht. Im Mund folgt dann echtes Tannin, trocken und griffig, ein Widerspruch, den nur diese eine Sorte in den Marken so konsequent durchzieht.
Am Ende einer Verkostung zähl die Sekunden nach dem Schlucken. Bei einem einfachen jungen Verdicchio sind es meist nur fünf oder sechs. Bei einer gereiften Riserva aus Matelica sind es oft zwanzig oder mehr, salzig und lang nachklingend, ein Abgang, den man vielen Weißweinen aus deutlich wärmeren Ländern kaum zutrauen würde. Ganz selten sogar.