
An einem Tintilia
Verkosten
Ein Glas Tintilia, leicht gegen das Licht gekippt, verrät am Rand sofort sein Alter. Tief purpurn bei einem jungen Jahrgang, mit einem Übergang ins Ziegelrote nach ein paar Jahren im Keller. Dass die Farbe selbst dann noch so dicht wirkt, überrascht kaum — das kräftige Tannin der Sorte hält sie zusammen.
Der Duft lohnt zwei Anläufe. Direkt am ruhigen Glas treten die leichten Aromen hervor, dunkle Kirsche und Pflaume vor allem, weil sie am schnellsten verdunsten. Erst nach kräftigem Schwenken kommen die schwereren Töne dazu: Lakritz, schwarzer Pfeffer, an manchen Tagen ein erdiger Zug, der an getrocknete Kräuter erinnert.
Im Mund merken Ungeübte sofort, warum Tintilia lange als schwierig galt. Die Säure läuft seitlich über die Zunge und lässt den Speichel fließen, während das Tannin sich gleichzeitig als rauer Belag übers Zahnfleisch legt. Beides zusammen wirkt anfangs kantig, bei einem guten, reifen Beispiel aber straff und lebendig statt hart.
Ein Vergleichsglas Biferno Rosso zeigt den Unterschied zu einem gemischten Wein. Durch den Anteil Aglianico wirkt er oft dunkler in der Frucht, mit mehr Fülle und weniger von der wilden Säurespitze, die Tintilia so eigen macht. Wer beide nacheinander verkostet, erkennt sofort, wie viel Charakter eine einzige Rebsorte einem Wein geben kann, den man sonst kaum kennt.
Zum Schluss zählt, wie lange der Geschmack bleibt, nachdem geschluckt ist. Fachleute nennen das den Abgang. Bei einem einfachen Molise-Wein sind das wenige Sekunden. Bei einer ausgereiften Tintilia Riserva ist es deutlich mehr. Diese Länge lässt sich im Keller nicht herstellen, anders als Alkohol oder Holzaroma. Deshalb steht sie am Ende jeder ernsthaften Verkostung ganz oben.