
Teer, Rosen, Kirsche
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Halte ein Glas Barolo gegen etwas Weißes, und die erste Überraschung kommt sofort: Die Farbe ist hell, fast wie bei einem leichten Pinot Noir, mit einem orangefarbenen Rand, der schon bei einem dreijährigen Wein auftaucht. Die Farbe lügt hier. Das täuscht über das hinweg, was im Mund folgt.
Nebbiolo hat nämlich vergleichsweise wenig Farbpigment in der Schale, aber enorm viel Tannin und Säure — deshalb sieht ein Barolo zart aus und schmeckt trotzdem gewaltig. Das ist kein Zufall. Wer von der Farbe auf die Kraft schließt, liegt bei dieser Sorte fast immer falsch.
In der Nase erwartet dich eine Kombination, die englische Weinschreiber vor Jahrzehnten als tar and roses beschrieben haben — Teer und Rosen. Beides gehört zusammen. Dazu kommen fast immer getrocknete Kirsche, ein Hauch Lakritz und, je älter der Wein, Leder und nasses Laub. Nach vielen Jahren im Keller taucht manchmal sogar eine Ahnung von Trüffel auf, passend zur Landschaft, aus der der Wein stammt.
Im Mund achte getrennt auf zwei Dinge. Die Säure lässt sofort Speichel fließen und hält den Wein trotz seiner Kraft frisch. Das Tannin dagegen legt sich als trockenes, fast staubiges Gefühl über Zunge und Zahnfleisch — bei einem jungen Barolo kann das regelrecht hart wirken, bei einem zwanzig Jahre alten wird daraus samtige Textur.
Zähl am Ende, wie lange der Geschmack bleibt, nachdem du geschluckt hast. Bei einem einfachen Wein sind das zwei, drei Sekunden. Bei einem guten Barolo oder Barbaresco zählt man leicht bis dreißig, manchmal länger, und genau diese Länge unterscheidet einen großen Nebbiolo von einem bloß angenehmen. Länge lässt sich nicht fälschen.