
An einem Chianti
Verkosten
Nimm einen Chianti Classico und halte das Glas schräg über etwas Weißes. Am Rand, wo der Wein dünn ausläuft, steht sein Alter: Ein junger leuchtet dort rubinrot mit einem violetten Schimmer, ein zehnjähriger geht ins Ziegelrote. Dass Sangiovese nie so dunkel ist wie ein Cabernet, ist kein Mangel. Das ist die Sorte.
Dann riechen, und zwar zweimal. Einmal im ruhigen Glas, einmal nach dem Schwenken — der Unterschied zwischen beiden ist die halbe Information. Im ruhigen Glas kommt meist die Frucht nach oben, weil die leichten Moleküle zuerst verdunsten, und erst nach dem Schwenken folgt alles, was schwerer flüchtet und länger braucht: Kräuter, Leder, Tabak.
Bei Sangiovese gibt es einen Duft, der fast immer da ist und den kaum jemand erwartet: getrocknete Tomate, manchmal auch Tomatenblatt. Dazu Sauerkirsche, nicht Süßkirsche, und im Hintergrund etwas Balsamisches. Wer diese drei Gerüche einmal zusammen in einem Glas hatte, erkennt Sangiovese danach für den Rest seines Lebens heraus. Ganz ohne Etikett.
Im Mund achte auf zwei Dinge getrennt. Die Säure spürst du seitlich an der Zunge, sie lässt den Speichel fließen und macht den Wein lebendig. Das Tannin spürst du als rauen Belag am Zahnfleisch — ein Gefühl, kein Geschmack. Ein guter Chianti hat von beidem reichlich, und beides muss von genug Frucht getragen werden, sonst wirkt der Wein dünn und kantig statt straff und lebendig.
Am Schluss zähl mit. Wie lange bleibt der Geschmack, nachdem du geschluckt hast? Zwei Sekunden sind wenig, zwanzig sind viel, und Fachleute nennen das den Abgang. Er lässt sich als Einziges nicht herstellen: Alkohol, Zucker und Holzaroma kann ein Kellermeister zugeben, Länge nicht. Deshalb steht sie in jedem ernsthaften Verkostungsbogen ganz unten und entscheidet am Ende oft die Bewertung.