
Kelch statt Flöte
Gläser
Ein Glas entscheidet, wie viel von einem Wein wirklich ankommt. Im Trentino gibt es darauf zwei ganz verschiedene Antworten. Teroldego braucht Raum: Seine feste Säure und sein kräftiges Tannin wirken im engen Glas schnell hart und kantig. Ein bauchiger Kelch mit weiter Öffnung schafft Abhilfe. Er lässt genug Luft an den Wein, damit sich Blaubeere und schwarzer Pfeffer entfalten können, bevor das Tannin überhaupt spürbar wird.
Für Trentodoc gilt fast das Gegenteil von dem, was viele erwarten. Die schmale Flöte, die man von Prosecco oder Champagner kennt, ist für diesen Schaumwein die schlechteste Wahl. Der Grund liegt in der Reife. Wegen der langen Hefelagerung von mindestens fünfzehn, bei Riserva bis zu sechsunddreißig Monaten, entwickelt Trentodoc Röst- und Brotaromen, die in einer engen Röhre kaum Platz zum Entfalten haben. Der Weinverband selbst empfiehlt deshalb einen weiten, tulpenförmigen Kelch, wie man ihn sonst für Weißwein nimmt: mehr Fläche, mehr Duft, dafür etwas weniger Moussierpracht.
Bei der Temperatur unterscheiden sich die beiden Weine ebenso stark. Trentodoc gehört ins Kühle, sechs bis acht Grad, direkt aus dem Kühlschrank. Teroldego dagegen verträgt Kälte schlecht: Unter vierzehn Grad wirkt sein Tannin plötzlich bitter statt fest, und die dunkle Frucht verschwindet fast völlig. Sechzehn bis achtzehn Grad, deutlich unter Zimmertemperatur, sind der richtige Bereich.
Vino Santo braucht von beidem das Gegenteil: ein kleines Glas. Der Wein ist durch die lange Trocknung der Trauben so konzentriert, dass schon fünf Zentiliter reichen, um Aprikose, Honig und geröstete Nuss zu zeigen. Ein großer Kelch würde nur Alkoholdampf freisetzen, kein Aroma. Serviert wird er deshalb traditionell im schmalen Likörglas, kühl, aber nie eisig.
Ein junger Teroldego kommt ohne Karaffe aus. Eine Riserva mit acht, zehn Jahren profitiert dagegen von einer halben Stunde Luft, weil sich ihr anfangs verschlossenes Bukett erst langsam öffnet. Trentodoc dagegen darf niemals dekantiert werden, jede unnötige Bewegung kostet Kohlensäure, die sich nicht zurückholen lässt. Eingeschenkt wird er ohnehin nur bis zur breitesten Stelle des Glases, damit oben Platz für den Duft bleibt.