
Purpur, Tannin, Länge
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Halte ein Glas Montefalco Sagrantino gegen etwas Weißes. Du siehst sofort, warum diese Rebe so berühmt ist, denn ihre Farbe ist ein fast undurchsichtiges Purpur bis tief in die Mitte, kaum heller selbst am äußersten Rand. Das Gegenteil von Sangiovese. Toskanas Rebe geht schon jung ins Ziegelrote, Sagrantino bleibt jahrelang fast schwarz.
Rieche zweimal: einmal im ruhigen Glas, einmal nach kräftigem Schwenken, denn dazwischen liegt die halbe Information, die ein Sagrantino zu bieten hat. Zuerst Beeren. Brombeere und Heidelbeere steigen als Erstes auf, weil ihre Moleküle am leichtesten verdunsten, und erst nach dem Schwenken folgen die schwereren Noten: schwarzer Pfeffer, Lakritz, bei älteren Jahrgängen Leder und getrocknete Kräuter.
Im Mund trennst du am besten Säure und Tannin. Die Säure spürst du seitlich, frisch und lebendig trotz der Wärme des Klimas, in dem diese Trauben reifen. Das Tannin dagegen überzieht Zahnfleisch und Gaumen wie ein trockenes Tuch, das sich erst nach Jahren im Keller zu etwas Samtigem wandelt. Jung ist das fast zu viel.
Zähl am Ende, wie lange der Geschmack bleibt, nachdem du geschluckt hast. Zwanzig, dreißig Sekunden sind bei einem guten Sagrantino keine Seltenheit, weil seine außergewöhnliche Tanninmenge auch den Abgang trägt, lange nachdem andere Rotweine längst verklungen wären. Kaum einer hält länger durch.
Ganz anders liest sich ein Glas Orvieto: hell strohgelb, manchmal mit grünlichem Schimmer, in der Nase Zitrusschale und weiße Blüten statt dunkler Beeren, dazu eine Säure, die sofort Speichel fließen lässt. Tannin fehlt fast völlig, weil die Schale kaum mitgärt. Zwei Gläser, ein Nachmittag, und man versteht mehr über Umbrien als aus jedem Buch.