Gläser in der Region Venetien

Kelch oder Flöte

Gläser

Ein einziges Glas reicht in Venetien nirgends. Kaum eine andere Region stellt so unterschiedliche Weine her: schweren, sirupartigen Amarone mit fünfzehn Prozent Alkohol, knochentrockenen Soave mit kaum zwölf, und dazwischen Millionen Flaschen Prosecco, deren ganzer Charakter von winzigen Bläschen abhängt. Jeder braucht eine andere Form.

Für Amarone gilt: groß und bauchig, mit einer Öffnung, die sich wieder verengt. Der Wein braucht Fläche, um seinen Alkohol verdunsten zu lassen. Darunter setzt er die Aromen von Rosine, Kirsche und Tabak frei, die das monatelange Trocknen der Trauben hinterlässt. Ein zu enges Glas macht ihn stechend nach Sprit, ein zu offenes lässt ihn schlaff wirken.

Soave verlangt das Gegenteil: ein schlankeres, tulpenförmiges Glas, das den Duft nach Mandel und Kamille bündelt, statt ihn in einer großen Fläche zu verlieren. Serviert wird er bei zehn bis zwölf Grad, kälter als Amarone, aber wärmer, als die meisten es servieren. Im Eiskübel wird aus Garganega sonst schnell ein Glas kaltes Wasser mit Alkohol.

Bei Prosecco entscheidet die Form über die Bläschen selbst. In einer flachen Coupe, wie man sie aus alten Filmen kennt, verliert der Wein sein Kohlendioxid innerhalb von Minuten, weil die große Oberfläche es förmlich heraussaugt. Eine schmale, hochgezogene Tulpe hält dagegen den Druck und führt die Perlage als feine Kette nach oben, bis sie den Duft an der engeren Öffnung sammelt.

Die Temperatur macht den letzten Unterschied. Prosecco gehört bei sechs bis acht Grad ins Glas, direkt aus dem Kühlschrank. Ein junger Bardolino dagegen schmeckt schon bei vierzehn Grad zu kalt und verliert seine Frucht. Wer alle drei Weine an einem Abend serviert, braucht drei verschiedene Gläser und ebenso viele Startzeiten im Kühlschrank.

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