
An einem Amarone
Verkosten
Halt ein Glas Amarone gegen das Licht. Die Farbe ist dunkel, fast undurchsichtig in der Mitte, und geht am Rand ins Granatrote über — ein Zeichen für den hohen Alkohol und die Reife, die das monatelange Trocknen der Trauben mitbringt. Ein junger Valpolicella daneben wirkt hell wie Traubensaft.
In der Nase kommt zuerst die Rosine, dann Sauerkirsche, die eher nach Kirschkompott als nach frischer Frucht riecht. Danach folgen Tabak, Leder und oft ein Hauch von Bittermandel. Diese Aromen entstehen erst durch das Trocknen, und kein frisch gepresster Wein könnte sie je entwickeln, egal wie reif die Trauben waren.
Im Mund fällt zuerst die Wärme auf. Mit fünfzehn bis siebzehn Volumenprozent Alkohol legt sich Amarone schwer auf die Zunge, fast wie Sirup. Erst danach holen Säure und Tannin das Gleichgewicht zurück. Das Tannin, der raue, pelzige Belag am Zahnfleisch, ist bei einem guten Amarone nie hart, weil die lange Trocknung ihn schon vor der Gärung weicher macht.
Ganz anders verläuft eine Probe bei Prosecco. Statt auf Farbe und Tannin achtet man hier auf die Perlage. Gemeint sind feine, gleichmäßige Bläschen, die im schmalen Glas als dünne Kette nach oben ziehen. Grobe, große Blasen, die schnell verschwinden, verraten meist einen Wein, der zu warm serviert wurde oder zu lange offen stand.
Am Ende zählt bei jedem Wein aus Venetien dasselbe: der Abgang. Bei Amarone bleibt der Geschmack oft eine Minute oder länger im Mund, warm und dicht. Bei einem knochentrockenen Soave dagegen ist die Länge kürzer, dafür läuft sie in eine feine, fast salzige Bitterkeit aus — beides ist richtig, es sind einfach zwei völlig verschiedene Wein-Ideen.