
Bauchig für Nussiges
Gläser
Zierfandler und Rotgipfler sind keine leichten, spritzigen Weißweine. Deshalb passt ihnen auch kein schmales Glas. Ihr Aroma sitzt tief: nach Pistazie, Mandel und reifer Birne, dazu ein hoher Alkohol, der erst mit genug Luft im Glas zurücktritt. Ein weiter, bauchiger Kelch mit ausreichend Fläche gibt diesen schweren Aromen Raum. So können sie sich entfalten, statt geballt aus einem engen Glas zu steigen.
Beim Spätrot-Rotgipfler kommt noch etwas anderes dazu. Der Verschnitt ist im jungen Zustand oft verschlossen und öffnet sich erst nach zehn, fünfzehn Minuten im Glas. Wer ihn sofort trinkt, verpasst die zweite Hälfte seines Dufts. Ein größeres Glas beschleunigt diesen Prozess, weil mehr Wein-Oberfläche mit Luft in Kontakt kommt.
St. Laurent dagegen verlangt ein zurückhaltenderes Glas. Seine Frucht ist dunkel, aber sein Tannin fein wie bei einem Pinot Noir, und ein zu weiter Kelch spreizt beides auseinander, statt es zusammenzuhalten. Ein mittelgroßer, nach oben leicht verengter Kelch bündelt stattdessen Kirsche und die zarte Würze, die St. Laurent oft in der Nase trägt.
Bei der Temperatur liegen Weiß und Rot hier näher beieinander, als man denkt. Zierfandler und Rotgipfler schmecken bei zehn bis zwölf Grad am besten — kälter sperrt die nussigen Töne ein, wärmer wirkt der Alkohol zu präsent. St. Laurent verträgt zwei, drei Grad mehr, etwa vierzehn bis sechzehn, damit seine feinen Tannine nicht hart schmecken.
Wer einen gereiften Riedenwein öffnet, sollte an eine Karaffe denken. Nach Jahren im Keller sind besonders die kräftigen Rotgipfler-Weine oft in sich geschlossen, und eine halbe Stunde Luft löst mehr davon, als jedes Schwenken im Glas es könnte.