
Marmor & Ton
Böden
Kein Weinbaugebiet Portugals mischt so viele Böden auf so kleinem Raum wie das Alentejo. Im Norden, um Portalegre, liegt Granit, der die Weinberge kühl und mager hält. Weiter südlich, um Reguengos und Redondo, wechseln sich Schiefer und Granit auf engstem Raum ab, und ganz im Süden, bei Moura und Granja-Amareleja, dominiert schwerer Ton, der Wasser lange festhält. Einheitlich ist hier nichts.
Dazwischen liegt ein Streifen, den es so kein zweites Mal in Portugal gibt: der Anticlinal de Estremoz zieht sich über rund zweiundvierzig Kilometer zwischen Sousel und Alandroal. Er besteht aus Marmor und Dolomit, gepresst aus dem Kalk eines Jahrmillionen alten Meeresbodens. Um Estremoz, Borba und Vila Viçosa liegt eines der größten Marmorvorkommen der Welt. Das ist keine Kleinigkeit. Schon in der Antike holten Steinmetze hier das Gestein, mit dem sie später sogar das römische Theater von Mérida schmückten.
Für eine Rebwurzel ist Marmor eine harte Grenze; das Gestein selbst lässt kaum Wasser durch. Nur entlang seiner Risse und Klüfte kommt eine Wurzel überhaupt hindurch, und genau dort sammelt sich, was vom seltenen Regen übrig bleibt. Darüber liegt eine rötliche, kalkreiche Erde, die man in Portugal terra rossa nennt. Darunter folgt eine Schicht aus losem, verwittertem Marmorschutt, bevor der feste Fels beginnt; eine Rebe bei Borba muss sich durch drei ganz verschiedene Welten arbeiten, um an Wasser zu kommen.
Daraus entsteht leicht die Vorstellung, ein Wein von diesem Boden schmecke nach dem Marmor selbst; das ist zu einfach gedacht. Was eine Wurzel aus dem Gestein zieht, sind gelöste Salze in Spuren, die kein Gaumen erkennen könnte. Der Marmor wirkt über einen Umweg. Er speichert tagsüber Wärme und gibt sie nachts wieder ab, und er zwingt die Wurzel in die Tiefe. Er lässt nur so viel Wasser durch, wie die Rebe wirklich braucht. Genau dieser Umweg macht den Wein aus Borba dichter und straffer als seinen Nachbarn vom Ton. Der Unterschied ist real.
Rötliche, kalkreiche Verwitterungserde über dem Marmor, kaum einen Fußbreit tief, aber reich an Eisen, das ihr die Farbe gibt.
Die Wurzel: Hier liegen die Feinwurzeln, die den seltenen Regen sofort aufnehmen — und im August als Erste austrocknen.